Die Zahlen sind deutlich: Knapp 2,9 Millionen Autofahrer in Berlin bekamen im vergangenen Jahr einen Strafzettel, weil sie falsch geparkt haben. Bei knapp 1,2 Millionen Autos sind das statistisch – gut zwei Strafzettel pro Auto. Viel zu wenig, sagen Radfahrer oder Fußgänger, die sich über diese Verkehrshindernisse ärgern. So mancher hat damit begonnen, Falschparker zu fotografieren und die Bilder ins Internet zu stellen. Genutzt wird meist der Hashtag #falschparker beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Veröffentlicht werden vor allem jene Fälle, die für andere Verkehrsteilnehmer gefährlich werden können – wenn etwa Autos rücksichtslos in zweiter Reihe parken oder Rad- und Busspuren blockieren. Radfahrer werden so zu Schlenkern auf die Fahrbahn gezwungen und in Gefahr gebracht. An zugestellten Kreuzungen und Ampeln werden vor allem Kinder und ältere Menschen gefährdet. Autofahrer blockieren Rettungswege von Weihnachtsmärkten, Lieferwagen gleich ganze Gehwege.

Auch die Berliner Verkehrsbetriebe BVG leiden unter Falschparkern. Busse geraten so schnell aus dem Takt. Fahrgäste können nur schwer aussteigen, wenn Autofahrer "mal kurz" an der Bushaltestelle parken.

"Es reicht einfach", sagt Aktivist Heinrich Strößenreuther. "Eine Minderheit von Autofahrern überschreitet einfach jede Grenze." Strößenreuther hatte vor zwei Jahren die Handy-App Straßensheriff erfunden, mit der jeder Bürger Falschparker fotografieren und die Bilder direkt ans Ordnungsamt weiterleiten sollte.

Die Umsetzung scheiterte zwar am Geld, löste aber einen Bewusstseinswandel aus, wie Strößenreuther sagt. "Falschparken wird nicht mehr als Kavaliersdelikt wahrgenommen, sondern als Problem." Etwa 10.000 Menschen haben sich bereits die App Wegeheld heruntergeladen, quasi der Straßensheriff ohne Verbindung zum Ordnungsamt. Die ersten 8.000 Meldungen hat Strößenreuther ausgewertet und dieses Fazit gezogen: "Je dicker das Auto, umso egoistischer das Verhalten."

Ruf nach höheren Bußgeldern

Auch die Politik hat das Problem erkannt. Die Grünen haben gerade erst wieder höhere Strafen für Falschparker gefordert, wie zuvor am "Falschparker-Tag" auch schon der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter.

Heinrich Strößenreuther hat im vergangenen Jahr eine Petition im Internet gestartet mit der Forderung, den deutschen Bußgeldkatalog für Falschparker zu ändern, um rücksichtsvolles Verhalten zu fördern. Das Bußgeld, so die Petition, solle von heute meist 20 auf 80 oder gar 130 Euro steigen, wie es in vielen anderen EU-Ländern der Fall sei. Nur so, sagt Strößenreuther, könne man rücksichtslose Autofahrer zur Einsicht bringen.

Die etwa zwei Knöllchen pro Auto und Jahr belasten die Autofahrer kaum. Und der weitaus größte Teil der 2,9 Millionen Berliner Strafzettel stammt aus Parkraumbewirtschaftungszonen des Ordnungsamtes, wo Autos sich nur untereinander den Platz wegnehmen. Die Polizei ist überlastet und kümmert sich nicht mehr um Falschparker. Selbst Autos, die ganztägig einen Fußgängerüberweg verstellen, kommen ungeschoren davon – und landen dafür dann bei Twitter, meist mit erkennbarem Kennzeichen.

Darf man das? "Ja", sagt ein Experte im Berliner Polizeipräsidium, auch Wertungen wie "blockiert Einfahrt" oder "gefährdet Kinder" seien zulässig. Denn das Persönlichkeitsrecht sei nicht verletzt, da eine Privatperson anhand des Kennzeichens nicht den Halter ermitteln kann. Das kann nur die Polizei. Vorsichtiger sind organisierte Aktivisten wie @falschparken und @wegeheld. Sie schwärzen die Kennzeichen.