Wo Tore mehr zählen als Räder – Seite 1

Das Wunder von Bern ist fast 62 Jahre her. In Essen, der Heimat Helmut Rahns ("müsste aus dem Hintergrund schießen ... schießt ... Tor! Tor! Tor!"), wird mit dem Wunder bis heute Politik gemacht. Gerade erst hat der Stadtrat 500.000 Euro für das neue, aber defizitäre Stadion an der Hafenstraße eingeplant. Geld, das die klamme Kommune nicht hat. Geld, das jetzt an anderer Stelle fehlt: Die 500.000 Euro waren für den Radverkehr vorgesehen und wurden ersatzlos gestrichen. Eine bemerkenswerte Nachricht in einer Stadt, die sich selbst als "fahrradfreundlich" bezeichnet.

Rot-Weiss Essen, Helmut Rahns Verein, hat lange keine Erfolge mehr gefeiert. Die Mannschaft dümpelt in der Regionalliga West vor sich hin. Die Homepage erinnert an den Meistertitel von 1954/55. Aber beim Fußball – das weiß jedes Kind – geht es nicht ums Gewinnen, es geht um Emotionen. Echte Fans bleiben ihrem Verein auch in schlechten Jahren treu. Oder schlechten Jahrzehnten. Und nur wenige Fans erweisen ihrem Verein eine Treue wie die vom RWE.

Die Fankultur des RWE rechtfertigte vor fünf Jahren den Stadionneubau, der 2014 abgeschlossen wurde und sich laut Rechnungsprüfungsamt insgesamt auf etwa 56 Millionen Euro summiert. Schon damals wurde auf die zu geringen Betriebskosten in der Kalkulation hingewiesen. Der städtische Anteil sollte nicht höher als 500.000 Euro liegen, versicherte der Stadtrat. Einer neuen Berechnung zufolge wird das Stadion die Stadt jedoch nun knapp eine Million Euro mehr kosten. Jährlich.

Fußballerisch fällt Essen längst nicht mehr auf, die Stadt kam in den letzten Jahren allerdings anderweitig zu Ruhm: Vor fünf Jahren rückte sie als "Kulturhauptstadt Europas" ihr Erscheinungsbild in den Köpfen gerade und wurde vom schwarzen Moloch zur grünen Kultur- und Dienstleistungsmetropole. Als ebendiese konnte das "Herz des Ruhrgebiets" jetzt einen weiteren Titel einstreichen: 2017 wird Essen "Grüne Hauptstadt Europas".

Seit die Fördertürme stillstehen und die Schlote nicht mehr qualmen, hat sich einiges getan im Ruhrgebiet. Die Ziele, die Essen zum jüngsten Titel führten, sind dennoch ambitioniert. So soll etwa der motorisierte Individualverkehr in der Stadt bis 2035 halbiert werden – und der Fahrradverkehr verfünffacht. Schon in vier Jahren will der Stadtrat im Vergleich zu 2011 doppelt so viele Radfahrer auf der Straße sehen.

In den letzten fünf Jahren hat sich jedoch fast nichts getan. Der ÖPNV, der ebenfalls vier Prozent zulegen soll, ist schon jetzt an der Kapazitätsgrenze. Der gestrichene Rad-Etat wird den Wandel sicher nicht beschleunigen.

Kein rot-weisses also, sondern ein grünes Wunder hätte die Stadt dringend nötig. Bei der Luftqualität ist Essen nahezu gleichauf mit Stuttgart. Die vorläufige Auswertung der Messstellenwerte von 2015 durch das Umweltbundesamt zeigt, dass auch im Ruhrgebiet womöglich bald erste Fahrverbote drohen. Wie im Schwäbischen wird es auch hier nicht bei Empfehlungen bleiben. Die Feinstaubbelastung fiel in Essen 2015 zwar geringer aus als im Vorjahr. Die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation, nicht mehr als an drei Tagen im Jahr einen Wert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter zu überschreiten, wurde trotzdem nicht eingehalten. An der Gladbecker Straße, ganz in der Nähe des Stadions, war das 2015 insgesamt 20 Mal der Fall.

Beim Stickstoffdioxid sieht es nicht besser aus. Hier kommt die Messstation auf einen Jahresmittelwert von 43 Mikrogramm pro Kubikmeter und die Werte überschritten 2015 sogar einmal die 200-Mikrogramm-Grenze, was laut WHO beides zu erheblichen Gesundheitsschäden führt und deshalb nicht vorkommen sollte.

Investitionen in Radverkehr müssen nun warten

Die Messstation liegt an der B224 in Vogelheim, unweit des Essener Stadions, wo sich täglich kilometerlang der Autoverkehr staut. Ähnlich lange wie der RWE auf den Wiederaufstieg in die erste Liga wartet, wird schon der Ausbau dieser Straße zur Autobahn geplant. Mit dem nun fehlenden Geld hätte die Stadt hier stattdessen eine Nord-Süd-Verbindung in ihrem Radwegenetz ergänzen können, wie sie es in ihrer Bewerbung um die "Grüne Hauptstadt" vorgegeben hat. So wäre der werbewirksame RS1 – ein 100 Kilometer langer Radschnellweg, der in wenigen Jahren das ganze Ruhrgebiet zwischen Hamm und Duisburg verbinden soll – auch für Menschen befahrbar, die nicht in seiner unmittelbaren Nähe wohnen. Und das zu einem Preis, für den Autobahnen nicht mal einen Kilometer länger werden.

Auch andere dringend nötige Investitionen in den Radverkehr müssen nun warten – oder werden vielleicht nie realisiert. So sollte die bestehende Radinfrastruktur verbessert und das Alltagsroutennetz weiterentwickelt werden, auch der Bau von Radstationen war erwogen worden. "Es war ganz offensichtlich eine Illusion zu glauben, dass dem Radverkehr in Essen mit der 'Grünen Hauptstadt' endlich der Stellenwert zugestanden wird, den er in vielen anderen Städten unter weit weniger gewichtigen Umständen besitzt", schreibt der örtliche ADFC in einer Stellungnahme.

Doch eine Stadt muss Prioritäten setzen. Essen hat seine mit der Entscheidung gegen den Radverkehr und für das Stadion erneut offengelegt. Die Stadt im Ruhrgebiet, wo nun mal zu jedem Förderturm ein Fußballstadion gehört, hängt an ihrem Wunder. "Tor! Tor! Tor!", schallte es 1954 aus den Radioapparaten. In den Köpfen von 100.000 Autofahrern, die sechzig Jahre danach die A40 entlang donnern, wird das Wunder täglich wachgehalten. In großen Lettern hat man die legendären Worte von Radiokommentator Herbert Zimmermann an den Brücken über der Autobahn angebracht.

Ein Wunder aber, das den Titel "Grüne Hauptstadt" rechtfertigt, würde allerdings bedeuten, dass hier bis 2035 täglich 25.000 Autofahrer weniger in alten Erinnerungen schwelgen. Das alte und ehrwürdige Georg-Melches-Stadion, in dem der RWE zu Rahns Zeiten spielte, musste übrigens einem Parkplatz weichen. Am neuen Stadion stehen aber immerhin 60 neue Fahrradbügel für die 20.000 Fans bereit. So weit denkt Essen um.