Stärker, schneller, größer – das ist seit Jahren der Trend bei der Entwicklung neuer Automodelle. Karosserien werden länger und breiter. Doch dieser Wachstumsprozess bringt nicht für jeden Fahrertyp auch ein Plus an Komfort und Sicherheit. Im Gegenteil: Unfallforscher kritisieren die Ergonomie vieler Personenwagen. Die wichtigsten Bedienelemente seien oft so angeordnet, dass sie für Menschen mit kleiner Statur kaum erreichbar sind.

Vor allem Frauen gelten als benachteiligt. Um Gas-, Brems- und Kupplungspedal betätigen zu können, müssten viele den Sitz weit nach vorne schieben. Sie hätten damit eine Sitzposition, die nicht nur unbequem sei, sondern auch gefährlich. Durch den geringen Abstand zur Instrumententafel drohen ihnen beim Unfall schwere Verletzungen an Füßen, Knien, Oberschenkeln und Becken.

"Zum Schutz kleiner Autofahrerinnen und Autofahrer sollte die Ergonomie im Auto deutlich verbessert werden", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der deutschen Versicherungen (UDV). Die Pedale und Lenkräder müssten verstellbar sein, außerdem brauche man spezielle Knie-Airbags als Aufpralldämpfer, fordert der renommierte Berliner Experte.

Verstellbare Pedale wären eine Lösung

Dabei stützt sich Brockmann auf eine Unfallstudie seines Instituts, bei der Wissenschaftler in Baden-Württemberg und Bayern mehr als 130 schwere Verkehrsunfälle analysiert haben. Sie stellten einen erschreckenden Zusammenhang zwischen Körpergröße und Verletzungsschwere fest. "Auffallend ist, dass die Hälfte der lebensbedrohlich verletzten Fahrer Frauen waren", resümieren die Unfallforscher in ihrem Bericht – was angesichts der geringeren Verkehrsbeteiligung weiblicher Autofahrer ein deutlicher Hinweis für das Manko bei der ergonomischen Konzeption und der Sicherheitsausstattung der Autos ist. Die Experten vermuten, dass "die geringere Körpergröße mit einer dichteren Sitzposition vor dem Lenkrad und der Instrumententafel die Gefahr für Verletzungen erhöht." Das Fazit: "Fahrzeuginsassen, insbesondere kleine Fahrer, sollten beim Frontalaufprall besser gegen Verletzungen der unteren Extremitäten geschützt werden."

Wie leicht sich der Insassenschutz optimieren lässt, dokumentiert die UDV mit dem Crashtest eines Kleinwagens mit frauengerechten Pedalen. Sie waren so in Längsrichtung einstellbar, dass der Sitz in einer mittleren Position bleiben konnte. Das Ergebnis: Dank des größeren Abstands zur Instrumententafel waren die am Dummy gemessenen Belastungswerte an den Oberschenkeln fast um das Fünffache geringer als beim Crashtest des gleichen Autotyps mit herkömmlicher Pedalanlage.

Auch der ADAC fand heraus, dass kleine – sprich: vor allem weibliche – Autofahrer ein deutlich höheres Verletzungsrisiko haben. Dies gilt laut der Unfallforschung des Automobilclubs aber nicht nur für Füße, Oberschenkel und Becken, sondern ebenso für den Brustbereich. "Das Risiko schwerer oder lebensbedrohlicher Brustverletzungen ist für Frauen 30 Prozent höher als für Männer", sagt ADAC-Experte Volker Sandner. Die Karosserien seien immer steifer und die Rückhaltesysteme immer aggressiver geworden. Dabei erreichen die Kräfte, mit denen Gurt und Gurtstraffer zupacken, offenbar die Grenzen der anatomischen Belastbarkeit. Frauen und Jugendliche, aber auch Senioren gelten laut ADAC als "Risikogruppen", weil ihr Gewebe und ihr Knochenbau weitaus weniger belastbar ist als bei Männern mit normaler Statur.

Der Testdummy ist 1,75 Meter groß

Die Folge: Vom Fortschritt auf dem Gebiet des Insassenschutzes hätten Frauen in den letzten Jahren nur wenig profitiert, so der Automobilclub. Die Auswertung von über 6.000 Verkehrsunfällen zeigt laut ADAC, dass die Zahl schwerer Brustverletzungen bei männlichen Pkw-Insassen seit Mitte der 1990er Jahre deutlich zurückging, während sie bei Frauen aber nahezu konstant blieb. Der Club fordert, bei der Sicherheitskonzeption von Autoinnenräumen nicht nur den sogenannten Auslegungsfall zu berücksichtigen. Die Fahrzeughersteller müssten eine "größere Abdeckung der Bevölkerung und eine verbesserte Auslegung der Rückhaltesysteme für ältere, kleine, leichte und große Insassen gewährleisten", urteilen die ADAC-Unfallforscher.

"Auslegungsfall" – hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich der Idealtyp der Sicherheitsentwickler. Er heißt Hybrid III 5th, hat männliche Standardmaße und sitzt bei den meisten Pkw-Crashtests als Dummy hinter dem Lenkrad. Mit 1,75 Metern Körperlänge und rund 78 Kilogramm Gewicht repräsentiert die Testpuppe den Durchschnittsmann Mitteleuropas – auf ihn werden seit Jahren Sitze, Gurte und Airbags aller Neuwagen abgestimmt. Weibliche Maße fanden bisher keine Berücksichtigung. Das erklärt die Sicherheitsdefizite in vielen Automodellen.

Euro NCAP prüft auch mit 1,50-Meter-Dummys

Nur langsam setzt sich bei der Pkw-Entwicklung und -Erprobung eine neue Denkweise durch. Erst im vergangenen Jahr hat die Prüforganisation Euro NCAP ihre Prozedur geändert. Sie berücksichtigt bei der Sternebewertung von Neuwagen jetzt auch die Resultate eines zusätzlichen Frontaufpralls mit 50 km/h, bei dem zwei nur rund 1,50 Meter große Dummys an Bord der Testwagen sitzen: einer als Fahrer und ein zweiter Mitfahrer auf dem Rücksitz.

"Bei diesen Tests gelten strikte Grenzwerte für die Verzögerungskräfte, die auf den Brustkorb wirken und eine starke Brustkorbverformung verursachen", erklärt Euro NCAP die neue, frauenfreundlichere Prüfmethode. So will man die Autohersteller zwingen, ihre Rückhaltesysteme neu zu entwickeln und künftig auch auf kleinere Menschen abzustimmen.

Die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitstests, die für die Typzulassung neuer Automodelle maßgebend sind, sind allerdings noch nicht soweit. Seit Jahren schon berät eine Arbeitsgruppe der zuständigen UNECE (United Nations Economic Commission for Europe) über eine neue Testvorschrift, die Frauen und älteren Menschen einen besseren Insassenschutz bieten soll. Bisher existiert diese Neureglung aber nur als Vorschlag. Geplant ist ein Frontalaufprall, bei dem erstmals auch ein Dummy mit weiblichen Maßen in den Testwagen sitzen soll – auf dem Beifahrersitz.

Hinweis: Wir haben zu der Information der Unfallforscher, dass jeder zweite lebensbedrohlich verletzte Fahrer eine Frau war, einen einordnenden Satz ergänzt./mbr