Die Folge: Vom Fortschritt auf dem Gebiet des Insassenschutzes hätten Frauen in den letzten Jahren nur wenig profitiert, so der Automobilclub. Die Auswertung von über 6.000 Verkehrsunfällen zeigt laut ADAC, dass die Zahl schwerer Brustverletzungen bei männlichen Pkw-Insassen seit Mitte der 1990er Jahre deutlich zurückging, während sie bei Frauen aber nahezu konstant blieb. Der Club fordert, bei der Sicherheitskonzeption von Autoinnenräumen nicht nur den sogenannten Auslegungsfall zu berücksichtigen. Die Fahrzeughersteller müssten eine "größere Abdeckung der Bevölkerung und eine verbesserte Auslegung der Rückhaltesysteme für ältere, kleine, leichte und große Insassen gewährleisten", urteilen die ADAC-Unfallforscher.

"Auslegungsfall" – hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich der Idealtyp der Sicherheitsentwickler. Er heißt Hybrid III 5th, hat männliche Standardmaße und sitzt bei den meisten Pkw-Crashtests als Dummy hinter dem Lenkrad. Mit 1,75 Metern Körperlänge und rund 78 Kilogramm Gewicht repräsentiert die Testpuppe den Durchschnittsmann Mitteleuropas – auf ihn werden seit Jahren Sitze, Gurte und Airbags aller Neuwagen abgestimmt. Weibliche Maße fanden bisher keine Berücksichtigung. Das erklärt die Sicherheitsdefizite in vielen Automodellen.

Euro NCAP prüft auch mit 1,50-Meter-Dummys

Nur langsam setzt sich bei der Pkw-Entwicklung und -Erprobung eine neue Denkweise durch. Erst im vergangenen Jahr hat die Prüforganisation Euro NCAP ihre Prozedur geändert. Sie berücksichtigt bei der Sternebewertung von Neuwagen jetzt auch die Resultate eines zusätzlichen Frontaufpralls mit 50 km/h, bei dem zwei nur rund 1,50 Meter große Dummys an Bord der Testwagen sitzen: einer als Fahrer und ein zweiter Mitfahrer auf dem Rücksitz.

"Bei diesen Tests gelten strikte Grenzwerte für die Verzögerungskräfte, die auf den Brustkorb wirken und eine starke Brustkorbverformung verursachen", erklärt Euro NCAP die neue, frauenfreundlichere Prüfmethode. So will man die Autohersteller zwingen, ihre Rückhaltesysteme neu zu entwickeln und künftig auch auf kleinere Menschen abzustimmen.

Die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitstests, die für die Typzulassung neuer Automodelle maßgebend sind, sind allerdings noch nicht soweit. Seit Jahren schon berät eine Arbeitsgruppe der zuständigen UNECE (United Nations Economic Commission for Europe) über eine neue Testvorschrift, die Frauen und älteren Menschen einen besseren Insassenschutz bieten soll. Bisher existiert diese Neureglung aber nur als Vorschlag. Geplant ist ein Frontalaufprall, bei dem erstmals auch ein Dummy mit weiblichen Maßen in den Testwagen sitzen soll – auf dem Beifahrersitz.

Hinweis: Wir haben zu der Information der Unfallforscher, dass jeder zweite lebensbedrohlich verletzte Fahrer eine Frau war, einen einordnenden Satz ergänzt./mbr