Sion nimmt es gleich mit mehreren Fragen zur Mobilität der Zukunft auf. Zwei elektrisch angetriebene Kleinbusse bieten in dem 33.000-Einwohner-Städtchen im Schweizer Kanton Wallis nicht nur lokal emissionsfreie Fahrten, sondern fahren dank Stereokameras, GPS-System und eingebauten Lidar-Sensoren auch autonom. Das Ziel: maximale Flexibilität des Shuttleverkehrs. Der Betreiber PostAuto setzt die beiden fahrerlosen Busse mit je elf Sitzplätzen nämlich nicht nach regulärem Fahrplan ein, sondern sie werden je nach Bedarf mit dem Smartphone angefordert.

Die von einem französischen Hersteller gebauten Fahrzeuge ersetzen keine bereits fahrenden Busse. Sie sind nur 4,80 Meter lang und 2,05 Meter breit und ergänzen aufgrund ihrer Wendigkeit und der kompakten Bauweise das existierende Streckennetz um bisher nicht befahrene Routen auf engen Straßen. Ihre Tour durch die Fußgängerzone und das Stadtzentrum von Sion ist genau vermessen und in 3D-Karten erfasst. Hindernisse und gefährliche Situationen sollen die mit Elektronik vollgestopften Busse in Sekundenbruchteilen erkennen.

In der zwei Jahre laufenden Testphase, die im März begonnen hat, rollen die Busse mit rund 20 km/h statt der erreichbaren Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h durch die Stadt und später auch zur weiter entfernt liegenden Touristenattraktion Schloss Tourbillon. Aber funktioniert das Selbstfahrsystem auch unter erschwerten Bedingungen? Bei Regen, Schnee und Dunkelheit? Wie reagiert das System in unfallträchtigen Situationen, wenn Fußgänger plötzlich zur Seite springen, Radfahrer einen unerwarteten Schlenker machen, Hunde vor den Bus laufen?

Ohne Lenkrad und Pedale

Genau wegen dieser Fragen ist Sion für Verkehrsexperten und Programmierer ein faszinierendes Labor, in dem man Schwachstellen der für autonomes Fahren entwickelten Algorithmen sondieren und weiterentwickeln kann. Tatsächlich kam es bei ersten Testfahrten zu einigen kuriosen Zwischenfällen, die allerdings harmlos verliefen: Eine vor den Bus gewehte Plastiktüte, die von den Kameras offenbar als gefährliches Objekt wahrgenommen wurde, löste eine abrupte Notbremsung aus; außerdem sorgte ein Mann mit einer Abfallkarre, der zu dicht am Bus die Fahrbahn überquerte, für einen weiteren Notstopp.

Die Betreiber haben daraufhin den Bussen weitere Sensoren implantiert. Mit ihnen können Objekte leichter identifiziert werden, um unnötige Bremsmanöver zu verhindern.

Die Eliminierung solcher Systemdefizite ist Kern der Testphase. Schließlich sollen Unfälle wie im Silicon Valley, wo ein Google-Auto mit allzu forscher Autonomie in einen Bus krachte, weil es auf haltende Busse und das eigene Weiterfahren programmiert war, vom System in Sion verhindert werden. Für die Passagiere besteht keine Gefahr. Ein PostAuto-Fahrbegleiter ist immer an Bord, um den Fahrgästen das Prozedere im fahrerlosen Bus ohne Lenkrad, Brems- und Gaspedal zu erklären und in eventuellen kritischen Situationen den roten Alarmknopf zu drücken.

Ängstliche Naturen registrieren beruhigt, dass man im Postbus meistens langsamer unterwegs ist als mit 20 km/h – doch das Schneckentempo wird gelegentlich auch kritisch kommentiert: "Da gehe ich doch lieber gleich zu Fuß oder nehme das Fahrrad, weil der Bus zu oft vor irgendwelchen Hindernissen bremst und eh zu langsam fährt", meinte etwa ein Student.