ZEIT ONLINE: All diese Ideen klappen in Groningen mit seinen 200.000 Einwohnern. Können auch dicht bebaute Großstädte von Ihnen lernen?

de Rook: Ganz unabhängig von der Größe können sich Kommunen eine grundsätzliche Denkweise von uns abschauen: Um das Fahrrad zu fördern, dürfen sie das Autofahren nicht komplett verbieten. Eine Stadt muss eine bessere Alternative dazu schaffen, muss also das Rad attraktiver machen. Zudem muss eine Kommune bei jedem Bauvorhaben mitdenken, wie sie das Fahrrad integrieren kann.

ZEIT ONLINE: Der Radboom hat aber auch neue Probleme geschaffen: Ladenbesitzer beschweren sich in Onlineforen, dass ihre Geschäfte wegen der vielen parkenden Fahrräder kaum noch zugänglich sind. Fußgänger sehen sich durch die vielen Radfahrer bedroht und müssen aufpassen, nicht umgefahren zu werden. Ist das der Preis für die Verkehrswende hin zum Fahrrad?

de Rook: Nein, weil wir die Probleme lösen können. Wir errichten weitere Radautobahnen, um den Fahrrad-Durchgangsverkehr um besonders belebte Teile herumzuführen, etwa das Zentrum. Zudem untertunneln wir den Bahnhof, dort sollen in den nächsten Jahren 5.000 weitere Stellplätze für Räder entstehen.

ZEIT ONLINE: Sie sind inzwischen bei einem Fahrradanteil von 60 Prozent am Gesamtverkehr. Was ist Ihr Ziel?

de Rook: Wir wollen definitiv mehr – ohne dass wir uns eine genaue Vorgabe machen. Es gibt noch viel Luft nach oben. So werden wir etwa Park-and-Ride-Angebote für Fahrräder schaffen. Das Prinzip ist bekannt: Pendler stellen ihr Auto in einem Vorort ab und fahren mit einem anderen Verkehrsmittel weiter. Letzteres war früher nur Bus oder Bahn, jetzt eben auch das Rad. Außerdem prüfen wir, ob wir Fahrradwege mit Erdwärme beheizen können, damit niemand mehr bei Frost ausrutscht. Denn wir wollen auch im Winter den Anteil an Radfahrern hoch halten.

ZEIT ONLINE: Groningen gibt in den nächsten vier Jahren 85 Millionen Euro für die Fahrradinfrastruktur aus, das macht rund 105 Euro pro Jahr pro Einwohner. In Berlin lag dieser Wert in 2015 bei 4 Euro. Wie häufig beschweren sich Wähler bei Ihnen, dass die Stadt zu viel fürs Radfahren ausgibt?

de Rook: Ich höre ja oft Kritik, dass wir Politiker nicht genug sparen. Aber deswegen hat sich noch niemand beklagt.