Die Autobahn 40 ist die Schlagader für viele Pendler im Ruhrgebiet. Seit einigen Monaten hat sie Konkurrenz: Zwischen Essen und Mülheim verläuft der erste Abschnitt des Radschnellwegs RS1. Er ist vier Meter breit, 10,4 Kilometer lang, geht meist geradeaus und ist weitestgehend mit einer frischen Asphaltschicht versehen. Im Gegensatz zu den Autofahrern auf der A 40 haben die Radfahrer auf dem RS1 freie Fahrt. In Essen müssen sie an einer Ampel stoppen, ansonsten gilt: Bahn frei bis Mülheim.

Das ist komfortabel und ein deutliches Signal. Mit dem RS1 beginnt eine neue Epoche für Radfahrer in Nordrhein-Westfalen. Die Landesregierung will den Radverkehr massiv steigern, das Fahrrad soll ein gleichwertiges Verkehrsmittel für den Alltags- und Pendelverkehr werden. Da war die Eröffnung der Strecke zwischen Mülheim und Essen im November ein Meilenstein.

Bereits jetzt klingen die Planer zufrieden. "Zur Rushhour am Morgen und zwischen 16 und 17 Uhr sind dort die meisten Radfahrer unterwegs", sagt Martin Tönnes, Bereichsleiter Planung beim Regionalverband Ruhr (RVR). Mit mobilen Messstationen hat der RVR die Fahrradfahrer gezählt. Für ein fundiertes Ergebnis sei die Messdauer zwar noch zu kurz, aber die Tendenz sei dennoch eindeutig: Der RS1 ist eine Pendlerstrecke.

Vor dem Bau des RS1 haben Experten, die sonst den volkswirtschaftlichen Nutzen von Autobahnen oder Eisenbahntrassen berechnen, eine Machbarkeitsstudie für das Projekt erstellt. Demnach könnten täglich mehr als 50.000 Autofahrer von der A 40 und anderen Strecken auf den RS1 wechseln. Im Idealfall könnten so täglich zehn Weltumrundungen per Auto eingespart werden.

Standards für Deutschland

Mit dem RS1 setzt das Bundesland Maßstäbe für eine Vielzahl weiterer Radschnellwege, die derzeit in NRW geplant werden. Zu den neuen Standards gehören angemessen breite Fahrspuren, Servicestationen, Beleuchtung und ein Winterdienst. Für Deutschland ist das ein Novum. Mit diesen Standards will das nordrhein-westfälische Verkehrsministerium den Planern das nötige Handwerkszeug liefern. "Der Ingenieur fragt natürlich nach DIN-Normen und nach dem Aktenzeichen. Wenn wir das jetzt haben, wird die Lust der Verkehrsingenieure steigen, sich den innovativen Verkehrswegen zuzuwenden", sagte Verkehrsminister Michael Groschek optimistisch beim Kongress der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte (AGFS) in Essen.

Um den Bau von Radschnellwegen zu erleichtern, plant Groschek sie als neue Wegekategorie einzuführen. Noch in diesem Jahr sollen Radschnellwege per Gesetz gleichberechtigte Landesstraßen werden. Dann ist in weiten Teilen das Land NRW für ihren Bau und ihren Unterhalt zuständig.

Der RS1 verbindet die Städte auf direktem Weg. Zwischen Bahngleisen und Schrebergärten, Wohnhäusern und Unternehmen fahren Radler von einer Stadt zur anderen. Landschaftlich reizvoll ist die Strecke zwar nicht. Umso reizvoller sind für die Pendler dagegen die Aspekte Schnelligkeit und Sicherheit. "Hier fällt für Radfahrer der Nahkampf mit dem Autoverkehr weg", sagt Tönnes. Die Pendler bleiben unter sich, selbst Fußgänger sind auf deutlich voneinander getrennten Wegen unterwegs. "Auf dem RS1 kann man den Kopf abschalten", sagt Tönnes. Sicherer und komfortabler kann Radfahren nicht sein. Schneller auch nicht.

Bis 2020 soll der RS1 insgesamt 101,7 Kilometer lang werden, damit wird er der längste Radschnellweg Europas sein. Zwischen Hamm und Duisburg verbindet er zehn Zentren wie Bochum und Dortmund miteinander. Das Land taxiert die Kosten auf 184 Millionen Euro. "Das ist teuer", hört Tönnes häufig, wenn er die Zahl nennt. Für einen Kilometer Autobahn auf der grünen Wiese kalkulieren Planer etwa eine Million Euro. In der Stadt sind die Kosten wesentlich höher. Doch die Berechnung für den RS1 enthält bereits diverse Brückenbau- und Sanierungsprojekte sowie die Beleuchtung oder die Servicestationen.