ZEIT ONLINE: Frau Merk, als Münchens Stadtbaurätin sind Sie auch für die Fahrradinfrastruktur zuständig. Wie viel fahren Sie selbst in München mit dem Rad?

Elisabeth Merk: Ich muss gestehen: leider selten – dienstlich nur, wenn ich Exkursionen in die Stadtgebiete mache, und privat am Wochenende in der Freizeit. Im Alltag bin ich eher Fußgänger, da ich zentral wohne und das Wichtigste in einer Viertelstunde zu Fuß erreichen kann.

ZEIT ONLINE: Wie oft haben Sie beim Radfahren den Eindruck, dass München von der "Radlhauptstadt", wie es sich nennt, noch weit entfernt ist?

Merk: Das ist sehr unterschiedlich. Auf den Freizeitstrecken ist die Qualität schon sehr gut, etwa entlang der Isar oder in den Randbezirken. In unserer Altstadt dagegen macht die Flächenknappheit das Radfahren schwierig. Die engen Radlstrecken und die hohe Personendichte sorgen für Konflikte. Ich war voriges Jahr in Kopenhagen. Die dortige Stadtverwaltung macht vieles ganz toll, aber sie hat nicht ansatzweise eine so enge Altstadt wie wir. In den zwei, drei Gassen, die es dort gibt, haben die auch keinen ihrer berühmten Radwege.

ZEIT ONLINE: Wie versuchen Sie das Problem in der Innenstadt zu lösen?

Merk: Mein Wunsch wäre, den ruhenden Verkehr von der Straßenoberfläche der Altstadt weitgehend herauszubringen, damit wir im öffentlichen Raum mehr Möglichkeiten haben, das Radfahren attraktiver und zugleich sicherer zu machen. Ich gehe nicht davon aus, dass wir gar nicht mehr mit dem Auto in die Altstadt fahren werden, aber wir sollten den Autoverkehr dort auf Anlieferung, Abholung und behindertengerechte Stellplätze reduzieren. Ein Beispiel: Die Radlhauptroute soll künftig durch die Sparkassenstraße gehen, drei Minuten vom Marienplatz und drei Minuten vom Hofbräuhaus entfernt. Die öffentlichen Stellplätze auf beiden Seiten der Straße würde ich einfach streichen.

© Landeshauptstadt München

ZEIT ONLINE: Da werden Sie auf Widerstand stoßen. Es gibt in München Stadträte, die zwar den Radverkehr fördern wollen – aber nur, solange es nicht zu Lasten des motorisierten Verkehrs geht.

Merk: In der Altstadt läuft die Konfliktlinie eher zwischen Radfahrern und Fußgängern. Manche Radler sind der Meinung, dass die Radlschnelltrasse mitten über den Marienplatz gehen müsse. Da muss ich als Fachreferentin sagen: Das geht nicht! Das würde man auch in anderen Städten nicht machen.

Was die Kommunalpolitik betrifft: Die hat längst erkannt, wie wichtig der Radverkehr ist. Ein Beleg dafür ist unsere mittlerweile gute Finanzausstattung. Seit der neuen Legislaturperiode gibt es zudem im Stadtrat einen Arbeitskreis zum Radverkehr mit Vertretern aller Fraktionen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Seitdem ist unsere Arbeit von mehr Verständnis geprägt. Die Politiker machen sich jetzt auch öfter vor Ort ein Bild und sind eher bereit, mal etwas auszuprobieren, zum Beispiel einen Radstreifen einzurichten.

ZEIT ONLINE: Der ADFC lobt Ihre Verwaltung als engagiert, sagt aber, sie würde immer wieder von der Rathaus-Koalition ausgebremst. Und die Süddeutsche Zeitung schrieb, die Stimmung zwischen Planern und Entscheidern sei angespannt. Diese Darstellung stimmt also nicht?

Merk: Ich würde nicht grundsätzlich von einer schlechten Stimmung sprechen. Wir haben viel erreicht, zum Beispiel 5.000 Abstellplätze geschaffen. Unser Oberbürgermeister stellt sich klar hinter die Radfahrer. Aber je nach Projekt ist es schon schwierig. Ein Beispiel ist die Rosenheimer Straße, das ist ein echtes Konfliktthema ...

ZEIT ONLINE: ... und ebenso die Lindwurmstraße. Bei beiden stark befahrenen Straßen beklagen Radfahrer schon lange, dass sich dort die Radinfrastruktur verbessern müsse – aber es passiert nichts.

Merk: Da stimme ich der Kritik des ADFC zu. Für beide Straßen hatte ich vorgeschlagen, eine Fahrspur in eine Radspur umzuwidmen, doch der Stadtrat ist dem leider nicht gefolgt.