Das Rechtsabbiegen im Stadtverkehr gehört zu den unangenehmsten Aufgaben eines Lastwagenfahrers: Er muss gleichzeitig nach vorn Ampeln, Beschilderung, Gegen- und Querverkehr beachten und seitlich Fußgänger und Fahrradfahrer im Auge behalten. Letztere sind sich oft nicht bewusst, dass sie ein Lkw-Fahrer womöglich gar nicht entdecken kann – sie stecken im toten Winkel. Jedes Jahr geschehen in Deutschland Hunderte Abbiegeunfälle zwischen Lkw und Radfahrern mit Personenschäden.

Unfallforscher wie Spediteure, aber auch Radfahrer und Fußgänger haben deshalb auf einen Abbiegeassistenten für Lkw gewartet, der Personen erkennt. Ein solches System will Mercedes-Benz Trucks noch in diesem Jahr in Serie bringen – und gleichzeitig auch einen Notbremsassistenten, der analog zum System in Mercedes-Pkw auch Fußgänger erkennt. Beide Systeme haben auf der IAA Nutzfahrzeuge im September Premiere und sind ab Dezember erhältlich.

Der Abbiegeassistent hat dank Radarsensoren die komplette rechte Seite im Blick und informiert den Fahrer bei Gefahr mehrstufig. Wenn sich ein Radfahrer oder Fußgänger in der Warnzone aufhält, leuchten in der A-Säule auf der Beifahrerseite LEDs in Dreiecksform gelb auf. Erkennt das System eine Kollisionsgefahr – anhand des aktivierten Blinkers oder des Lenkeinschlags –, blinkt die LED-Leuchte mit höherer Leuchtkraft rot und es ertönt von rechts ein Warnton über einen Lautsprecher der Radioanlage.

Die Unfallforscher des Gesamtverbands der Versicherer gehen davon aus, dass ein solches System, das verschiedene Lkw-Hersteller in der Entwicklung haben, etwa jeden zweiten Unfall zwischen Lkw und Fußgängern oder Radfahrern vermeiden kann. Auch Kollisionen mit Gegenständen sollen so verhindert werden: Der Assistent überwacht auf der rechten Seite die Schleppkurve des Lkw, also den Weg, den Auflieger oder Anhänger um die Kurve nehmen. Hat der Fahrer beim Abbiegen nicht weit genug ausgeholt und der hintere Teil des Trucks droht eine Ampel oder parkende Autos mitzunehmen, wird ebenfalls gewarnt.

Mit der Technik aus der E-Klasse

Mercedes setzt beim Abbiegeassistenten auf ein selbst entwickeltes Radarsystem. Zwei Radarsensoren für den Nahbereich, untergebracht in einem schwarzen Kasten unten auf der Beifahrerseite, ergänzen sich im Blickwinkel. So kann das System die komplette Länge des Lkw überwachen, inklusive Auflieger oder Anhänger – plus zwei Meter nach vorn und einen Meter hinter dem Truck. Zur Seite überwacht die Technik eine Zone von 3,75 Metern Breite, das entspricht etwa einer Autobahnfahrspur.

Damit fungiert der Assistent auch wie ein Totwinkelwarner im Pkw und warnt den Lkw-Fahrer, wenn sich beim beabsichtigten Spurwechsel ein anderes Fahrzeug rechts neben ihm befindet. Oder zeigt ihm an, wenn er einen anderen Lkw komplett überholt hat: Die freundliche Lichthupe des Überholten, als Hinweis, dass er nun wieder einscheren kann, wäre dann nicht mehr nötig.

Als zweite Sicherheitsneuerung führt Mercedes ebenfalls im Dezember den Notbremsassistenten mit Fußgängererkennung ein. Hier setzt der Lkw-Bereich auf Technologietransfer aus der Pkw-Sparte: Vorn am Laster kommt das gleiche Radarsystem wie bei der E-Klasse zum Einsatz. Im Gegensatz zu einem kamerabasierten System ist es unabhängig von Lichtverhältnissen, und laut Mercedes spielt auch die Witterung keine wichtige Rolle – das System sieht auch bei Regen und Nebel. Dabei erkennt es anhand der Reflexionen eine typische "Fußgängersignatur".

Die vierte Generation des vor zehn Jahren eingeführten aktiven Bremsassistenten erkennt nun nicht mehr nur langsamer vorausfahrende oder stehende Fahrzeuge – wie an einem Stauende – und leitet eine Notbremsung ein, sondern bremst auch für Fußgänger. Erfasst das Radar einen Fußgänger, warnt das System den Fahrer und leitet gleichzeitig automatisch eine Teilbremsung ein. Damit soll dem Fahrer die Möglichkeit gegeben werden, durch eine Vollbremsung oder ein Lenkmanöver die Kollision zu vermeiden.

Anders als bei den anderen Notbremsungen gibt es keine Warnkaskade. Die akustische und optische Warnung und Teilbremsung setzen also zeitgleich ein. Der Lkw-Fahrer kann das System bei Bedarf allerdings jederzeit übersteuern.

Mercedes verspricht, Fußgänger in Bewegung würden in nahezu allen Verkehrssituationen erkannt. Etwa wenn sie quer auf die Fahrspur des Lkw laufen, hinter einem Hindernis hervortreten oder sich längs auf der Fahrspur bewegen, ebenso beim Abbiegen nach links und rechts. Das System funktioniert dem Hersteller zufolge bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h. Die bekannten Warn- und Bremsreaktionen auf stehende und bewegte Hindernisse erfolgen weiterhin bis 90 km/h.