Eigentlich wollten sich Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Bahn in diesem Jahr mit der Zukunft beschäftigen. Doch wenn sich die 20 Kontrolleure des Schienenkonzerns an diesem Mittwoch zur Aufsichtsratssitzung treffen, geht es wieder einmal um sehr gegenwärtige Probleme: Stuttgart 21, Verluste im Güterverkehr, Verspätungen, Qualitätsmängel. Nach einem Konzernverlust von 1,3 Milliarden Euro im vergangenen Jahr riskiert das Staatsunternehmen mit seinem Sanierungs- und Umbauprojekt "Zukunft Bahn" auf der Strecke zu bleiben. Für Bahn-Chef Rüdiger Grube (64), dessen Vertrag Ende 2017 ausläuft, wird es ungemütlich an der Spitze – aber nicht nur für ihn.

Auf welchen Baustellen hat die Bahn aktuell die größten Probleme?

Neben den Verzögerungen und voraussichtlichen Kostensteigerungen beim Milliardenprojekt Stuttgart 21 wird es an diesem Mittwoch erneut um den angeschlagenen Güterverkehr (DB Cargo) gehen. Streit ist dabei programmiert. Denn am vergangenen Mittwoch war es dem Vorstand nicht gelungen, den Aufsichtsrat von seinem Sanierungskonzept für DB Cargo zu überzeugen. Danach sollen unter anderem gut 200 der 1.500 Güterverkehrsstellen nicht mehr angefahren werden, solange nicht genug Güter auf der Schiene transportiert werden können. Außerdem steht ein Viertel der 100 Instandhaltungswerke zur Disposition.

Nach einer lauten Demonstration der Eisenbahnergewerkschaft EVG vor dem Bahn-Tower in Berlin hatte die Mehrheit des Kontrollgremiums, in dem vor allem Vertreter der Arbeitnehmer und des Bundes sitzen, die Überlegungen des Managements abgelehnt. Die EVG fürchtet den Verlust von tausenden Stellen, intern wird der Sparkurs als noch zu halbherzig kritisiert.

In der Kritik steht aber nicht nur der Bahn-Vorstand, sondern auch die Politik: "Ich erwarte von den politischen Vertretern der Koalitionsparteien im Aufsichtsrat, dass sie die Lage des DB-Konzerns ernst nehmen", sagte der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel, der im Verkehrsausschuss sitzt. Die Verlagerung von immer mehr Gütern auf die Straße bei gleichzeitig sinkender Maut stößt Kritikern auf. "Die zahlreichen politischen Fehlentscheidungen von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt im Wirtschaftsverkehr müssen in den Koalitionsfraktionen endlich zum Thema gemacht werden", sagt Gastel. Die Bahn steht dabei doppelt in der Kritik: Mit ihrer riesigen Spedition DB Schenker profitiert sie von niedrigen Sprit- und Mautkosten (zu Lasten der Schiene) und als Schienennetzbetreiber kassiert sie steigende Trassenentgelte (zulasten privater Güterbahnen).

Zeigt die Qualitätsoffensive im Personenfernverkehr Wirkung?

Die Bahn gewinnt zwar Fahrgäste – bis Ende März zwei Millionen mehr als im Vorjahr – erzielt mit ihnen aber weniger Umsatz und Gewinn als geplant. Die Strategie, auf die Billigangebote der Airlines und Fernbusse ebenfalls mit Billigtickets zu reagieren, zahlt sich per saldo bislang nicht aus.

Außerdem ist die Bahn zuletzt auch wieder unpünktlicher geworden: Mehr als jeder fünfte Zug im Fern- und Regionalverkehr kommt zu spät. Bessert sich diese Quote nicht – Grube will, dass Ende des Jahres 80 Prozent der Züge pünktlich fahren –, häuft die Bahn 2016 weitere Verspätungsminuten an. Im vergangenen Jahr waren es nach Zahlen des Eisenbahnbundesamtes bereits fast 175 Millionen Minuten, das entspricht fast 8.000 Stunden pro Tag.