ZEIT ONLINE: Herr Schlag, können Sie immer cool bleiben, wenn Sie unterwegs sind?

Bernhard Schlag: Meistens, aber manchmal wird es auch zu heftig. Wenn ich zum Beispiel lange Strecken fahre und ich zum vierten oder fünften Mal aggressiv überholt, bedrängt oder geschnitten werde, dann wird es schon schwierig.

ZEIT ONLINE: Also können andere Verkehrsteilnehmer selbst bei Ihnen, der seit Jahren über Aggressivität im Straßenverkehr forscht, Aggressionen auslösen?

Schlag: Nicht Aggression, aber Ärger. Der bringt emotionale Aufregung mit sich und kann eine Vorstufe von Aggression sein, muss aber nicht.

ZEIT ONLINE: Was genau verstehen Sie unter "Aggression im Straßenverkehr"?

Schlag: Wir unterscheiden zwischen zwei Formen von aggressivem Verhalten: zum einen feindseliges, affektives Verhalten, mit dem man den anderen wirklich schädigen will. Das dürfte die seltenere Form sein. Zum anderen die instrumentelle Aggression, bei der man Schädigungen anderer in Kauf nimmt, um eigene Vorteile daraus zu ziehen. Das dürfte im Alltag weitaus häufiger vorkommen – nicht nur im Straßenverkehr, sondern in vielen Teilen des Lebens. Menschen werden heutzutage geradezu darauf hinsozialisiert. In einigen Lebensbereichen ist es quasi ein Lernziel, sich durchzusetzen – selbst, wenn dies anderen schaden kann.

ZEIT ONLINE: Sie meinen, wer sich im Auto aggressiv verhält, der tut das auch in anderen Lebenssituationen?

Schlag: Sobald wir in einem Auto sitzen, verfügen wir über eine Kraft, die wir sonst im Leben nie haben. Es ist ja kein Zufall, dass das Kraftfahrzeug auch als Mordmittel von Terrororganisationen empfohlen wird. Das sind Potenz- und Machtmittel, mit deren Hilfe man über eine enorme Gewalt verfügt. Da ist es naheliegend, dass man diese Gewalt auch mal nutzt, wenn es zum eigenen Vorteil ist.

Verkehr - Die tödliche Seite des Radverkehrs In Berlin steigt die Zahl der Radfahrer und auch die ihrer Beteiligung an schweren Unfällen. Beim Ride of Silence wird einmal jährlich der toten Radfahrer gedacht.

ZEIT ONLINE: Fahrradfahrer verhalten sich durchaus auch aggressiv, haben diese enorme Kraft aber nicht.

Schlag: Radfahrer haben einen anderen Hintergrund: Die fühlen sich oft strukturell benachteiligt. Sie sehen sich deshalb eher im Recht, sich durchzusetzen – auch wenn sie damit gegen die Regeln verstoßen. Man muss aber sagen: Nicht jeder Regelverstoß ist per se aggressives Verhalten. Das ist erst der Fall, wenn ein anderer zu Schaden kommen kann und man das zumindest in Kauf nimmt.

ZEIT ONLINE: Es gibt Studien, in denen manch ein Verkehrsteilnehmer auch angibt, er sei schon mal aus dem Auto ausgestiegen, um einen anderen Fahrer körperlich zu bedrohen. Kommt so etwas häufiger vor?

Schlag: Das gibt es durchaus, wenn auch sehr selten. Man sollte über die wenigen, überaus aggressiven Personen nicht vergessen, dass sich 90 bis 95 Prozent aller Verkehrsteilnehmer im Bereich der Regeln bewegen. Aber wenn sich jemand zum Beispiel bei hohem Verkehrsaufkommen auf der Autobahn über alle drei Spuren schlängelt, dann ist das schon ziemlich aggressiv. Oder wenn jemand sehr dicht auffährt, um andere von "seiner Spur" zu drängen. Auch der Gesetzgeber sieht das als besonders aggressives Verhalten: Ein Folgeabstand unter 0,8 Sekunden ist Nötigung und kann strafrechtlich verfolgt werden.