Es ist nur ein Gedankenexperiment, aber ein aufschlussreiches. Wie sähe eine Stadt aus, würden ihre Verkehrsplaner nicht dem Auto die erste Priorität einräumen – sondern dem Fahrrad? Eine schöne Vorstellung: Es gäbe nicht mehr so viel Stau. Die Luft wäre klarer. Der Lärm geringer. Balkone an Hauptverkehrsstraßen wären wieder nutzbar, die Wohnungen dort gewönnen an Wert, womöglich gäbe es mehr Grün und mehr Platz, sich draußen aufzuhalten. Es wäre schöner als heute, in der Innenstadt zu leben.

Für Stefan Schurig sind solche Fragen keine Spekulation. Er zerbricht sich von Berufs wegen den Kopf darüber, wie man Städte umwelt- und menschenfreundlicher gestalten kann. Schurig ist Direktor für Klima und Energie am World Future Council in Hamburg, er berät das UN-Städtebauprogramm UNHabitat in Kommunikationsfragen, und privat fährt er leidenschaftlich gerne Fahrrad. Ein guter Gesprächspartner, wenn es um lebenswerte Städte und sauberen Verkehr geht – und um die Frage, wie gut es sich in Hamburg heute schon mit dem Rad fahren lässt.

Denn Hamburg soll zur Fahrradstadt werden, so haben es SPD und Grüne im April 2015 in ihrem Koalitionsvertrag beschlossen. Im Moment aber sind Hamburgs Verkehrswege darauf ausgerichtet, es den Autos so einfach wie möglich zu machen. Noch ist Hamburg eine Autostadt. Mit viel Stau.

Es ist logisch: Wenn zu viele Autos die Straßen verstopften, sei eine Stadt nicht mehr lebenswert, sagt Schurig. Kluge Menschen, die sich ihre Jobs aussuchen können, ziehen dann lieber woanders hin. Und ohne qualifizierte Arbeitnehmer – oder Selbstständige – verliert eine Stadt auf lange Sicht die Basis ihres wirtschaftlichen Erfolgs.

User-centered design für Städte

Was aber macht eine lebenswerte Stadt aus? Sie braucht bezahlbaren Wohnraum, so gebaut, dass es dem Klima angemessen ist. Saubere Energie. Eine Müllabfuhr, die so viele Rohstoffe wie möglich zurückgewinnt. Und last, but not least: ein umweltfreundliches Transportsystem.

Das zu planen und zu bauen ist jedoch keine simple Angelegenheit. "Man muss vom Ist-Zustand ausgehen und mit dem arbeiten, was man hat", sagt Schurig. "Nairobi kann sich nicht in Kopenhagen verwandeln." Aber jede Stadt kann den öffentlichen Nahverkehr fördern und seine Infrastruktur ausbauen. Auch Nairobi. Für mehr Busse und Bahnen statt mehr Privatautos, für Parkplätze am Stadtrand und mehr innerstädtische Fahrrad-Leihstationen.

Von Fahrverboten für Autos hält Schurig nichts. "Aber der motorisierte Individualverkehr kann keine Priorität haben, so wie bisher. Er braucht zu viel Platz, er schiebt Fußgänger und Radfahrer zur Seite. Und die Autofahrer ärgern sich über den Stau, den sie selbst schaffen. Das ist genau der falsche Weg."

Sein Vorschlag stattdessen: Die Straße muss allen gehören – und um das zu erreichen, sollten Rad und ÖPNV in der Planung Vorrang genießen. Am Ende soll es bequemer sein, mit dem Rad zur Arbeit, zur Kita und zum Einkaufen zu fahren, als mit dem Auto. Die Verkehrsplaner müssten sich in die Radler hineinversetzen, sagt Schurig, nicht in die Autofahrer. User-centered design. Anders gehe es nicht.

Gleichberechtigung für alle. Das klingt wie ein schöner Traum in einer Großstadt, in der alle immer aggressiver unterwegs zu sein scheinen. Auch die Radfahrer. Schurig streitet das gar nicht ab, er erlebt das täglich selbst. Jeden Morgen, wenn er seine beiden Söhne zur Kita bringe, warne er sie vor rücksichtslosen Radlern, sagt er. "Und wenn ich dann selbst aufs Rad steige, will ich schnell vorwärtskommen und mich stressen die Fußgänger, die im Weg sind. Auf dem Bürgersteig gibt es einfach zu wenig Platz für beide."