An diesem Montag, an dem mein Pendlerleben ziemlich rund läuft, habe ich meine Wohnung gegen 8 Uhr 10 verlassen und werde gegen 10 Uhr In der Redaktion sein. Steige ich planmäßig um 18:24 Uhr in den Zug nach Hause, bin ich gegen 20 Uhr wieder zu Hause. Die reine Fahrtzeit beträgt 75 Minuten pro Strecke, doch unterwegs bin ich im Schnitt eher knapp zwei Stunden für einen Weg. Wo bleibt die Zeit, und was bleibt da sonst noch alles auf der Strecke? 

Der US-Soziologe Robert Putnam ist dieser Frage akribisch nachgegangen. Der Durchschnittspendler verbringe mehr Zeit damit, in Metallboxen durch die Gegend zu fahren, als mit Kochen, Essen oder seinen Kindern. Putnam hat anhand von Statistiken zur Freizeitgestaltung analysiert, was passiert, wenn jemand plötzlich länger zur Arbeit fahren muss. Das Ergebnis ist verstörend: Zehn Minuten zusätzliches Pendeln gehen einher mit einer Reduzierung des gesellschaftlichen Engagements um zehn Prozent.

Und im engsten Umfeld, der Familie? Da müssen wir, liebe Männer, eine unbequeme Wahrheit verkraften: Das Pendeln fährt uns direkt ins Rollenbild der Steinzeit.

Der Mann stürzt sich ins Pendlerleben wie ein Höhlenmensch in die Jagd. Er fährt los, arbeitet und hat mindestens drei Heldengeschichten im Gepäck. Männer können sich damit in aller Regel wunderbar arrangieren. Natürlich gibt es auch viele Männer, die nach der Arbeit noch schnell bei Aldi oder Edeka vorbei fahren oder davor die Küche saugen und die Kinder in die Kita bringen.

Frauen neigen seltener zum Fernpendeln

Mag alles sein, doch die Zahlen sind eindeutig, wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in einer europaweiten Studie herausgearbeitet hat. Während in der traditionellen Versorgerehe, in der der Mann nicht ständig unterwegs ist, die Hausarbeit noch in drei von vier Fällen wesentlich von der Frau übernommen wird, steigt der Anteil noch einmal an, wenn der Mann viel unterwegs ist: auf neun von zehn Fällen.

Frauen neigen auch seltener zum Fernpendeln als Männer. "Sie kehren dann täglich nach Hause zurück und stehen, wenn auch eingeschränkt, trotz ihrer Mobilität täglich für anfallende Arbeiten und Erledigungen zur Verfügung", schreiben der Soziologe Heiko Rüger und seine Kollegin Katharina Becker in einem Aufsatz zur Studie. Da wird der Geschirrspüler eingeräumt, der Stausauger angeschmissen und natürlich gekocht. Diese traditionellen Rollenbilder brechen zwar immer dann auf, wenn beide Partner unterwegs sind, doch sobald Kinder geboren werden, nähern wir uns wieder dem Sozialleben der Steinzeit an.

Für Männer spielt es nämlich kaum eine Rolle, ob sie Single oder verheiratet sind und ob sie Kinder haben. Kinderlose Männer mit Partnerin pendeln mit 27 Prozent sogar häufiger als partner- und kinderlose Männer (22 Prozent).

Ganz anders sieht es bei den Frauen aus, haben Rüger und Becker herausgefunden. "Sind 34 Prozent der partner- und kinderlosen Frauen mobil, reduziert sich dieser Anteil für kinderlose Frauen mit Partner auf 27 Prozent und für Frauen mit Partner und Kindern auf sechs Prozent." Ist das Kind jünger als sechs Jahre, ist der Anteil sogar noch geringer.

Das Pendeln zementiert somit Rollenbilder unserer Gesellschaft, die wir eigentlich längst überwunden glaubten.