Vergangene Woche habe ich mich in unserer Serie mit dem Mikrokosmos der Vielfahrer beschäftigt – den Auswirkungen des Pendelns auf das Familienleben. Die gesellschaftlichen Folgen des Pendelns gehen aber weit darüber hinaus. Kommen wir dazu noch einmal auf den US-Soziologen Robert Putnam zu sprechen. Putnam hat ermittelt, dass zehn Minuten zusätzliches Pendeln einhergehen mit einer Reduzierung des gesellschaftlichen Engagements um zehn Prozent. Seine These: Auch wenn das Pendeln einen kleineren Einfluss auf ehrenamtliche Tätigkeiten als Bildung habe, so sei Pendeln doch bedeutender als die meisten demografischen Faktoren.

Er brachte die Tendenz zur Vereinsamung auf eine traurige Formel: Bowling Alone. So lautet der Titel seines Buches, das den Kollaps des sozialen Gefüges in den USA beschreibt. Alleine Kegeln ist eine ziemlich triste Veranstaltung, doch mit diesem Bild bringt der renommierte Harvard-Professor eine gefährliche Individualisierung auf den Punkt, die er zum Teil auf das Pendeln zurückführt.

Auch der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman hält Pendeln aus gesellschaftlicher Sicht für wenig wünschenswert. Vor einigen Jahren sagte mir Kahneman, dass er das Pendeln für ein Übel hält, weil wir die sozialen Folgen für uns und unser Umfeld systematisch kleinreden. "Es ist doch klar, dass Menschen meistens weit weg von der Arbeit wohnen, weil sie dort günstiger leben können. Das ist der Hauptgrund", sagt Kahneman. "Aus meiner Forschung ergibt sich ein zweiter Grund. Die Menschen machen einen Fehler: Sie unterschätzen etwas. Wenn sie über das Haus nachdenken, in dem sie leben werden, dann sieht es viel größer und bedeutender aus als der Aufwand für das Pendeln. Das ist ein Fehler, denn es macht dir das Leben schwer."

Kahneman hat als einer der Ersten herausgefunden, dass Pendeln viele Menschen unglücklich macht. Mit anderen Worten: Ganze Gesellschaften könnten besser dastehen, wenn die Wege zur Arbeit möglichst kurz wären, zum Beispiel weil der Staat und Arbeitgeber durch systematische Anreize daran mitwirken, dass die Beschäftigten täglich möglichst kurze Wege zurücklegen, um Geld zu verdienen.

Angesichts von rund 20 Millionen Arbeitnehmern in Deutschland, die Tag für Tag mit Auto und Zug unterwegs sind, wird sich diese Beobachtung längst nicht mit jeder Biografie decken. Tausende Pendler verbringen ihre Freizeit sicher damit, sich in Hunderten Vereinen oder der Kirche zu engagieren. Aber es ist eben schwieriger.

Die Tendenz ist aber eindeutig, sagt Heiko Rüger, der im Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung das Pendlerleben erforscht. "Der Anteil von Personen, die angeben, keinem Engagement nachzugehen, ist unter den beruflich mobilen Personen mit rund 60 Prozent um fast zehn Prozentpunkte höher als unter den nicht mobilen Personen." Der größte Unterschied findet sich – wen wundert's – bei den stark engagierten Menschen. 17 von 100 Vielfahrern nehmen sich noch die Zeit, sich in der Feuerwehr, dem Pflegeheim oder für die Politik zu engagieren. Jene, die nahe am Arbeitsplatz und Familie leben, tun das in 24 von 100 Fällen.

Der Zusammenhang zwischen Wohneigentum und bürgerlichem Engagement (es erhöht sich aus naheliegenden Gründen, wenn ich plane, die nächste Jahrzehnte im gleichen Kiez zu verbringen) erklärt die Diskrepanz unzureichend. Nein, es ist schlicht der Zeitmangel, der es Pendlern unmöglich macht, sich genau so stark für die Allgemeinheit einzusetzen, wie das ihre Nachbarn tun, die um die Ecke arbeiten. Übernachter, also Wochenendpendler, Saisonarbeiter oder Menschen in der Fernbeziehung, sind oft schlicht nicht am Ort, wenn die Vereinssitzung beginnt – zumindest können sie es in den seltensten Fällen versprechen. Pendeln ist also nicht nur ein individueller Beziehungskiller, sondern gefährdet auch das soziale Gefüge in der Gesellschaft.

Nur 16 von 100 Übernachtern engagieren sich nach Auswertungen von Rüger ehrenamtlich. Besonders deutlich zeigen sich Veränderungen für all jene, die mit dem Reisestress gerade erst begonnen haben. Jeder Dritte gibt an, sein ehrenamtliches Engagement reduziert zu haben, jeder Fünfte hat es gar beendet.

An früherer Stelle habe ich geschrieben, dass mein wöchentliches Tennismatch dem Pendeln zum Opfer gefallen ist. Unsere Gesellschaft wird das gerade noch verkraften. Ich engagiere mich aber auch nicht in der Flüchtlingshilfe oder in einer Stiftung. Und wenn ich meine Mitfahrer anspreche, geht es den allermeisten genau so. Für unsere Gesellschaft können wir nur hoffen, dass möglichst wenig Menschen pendeln.