Es macht Spaß, morgens ins Büro zu radeln. Gerade jetzt im Sommer. Man betreibt etwas Frühsport, startet gut gelaunt in den Tag und wird auf dem Rad so munter, dass man die Morgentasse Kaffee am Arbeitsplatz nicht mehr braucht.

Noch schöner wäre es, käme man nicht mit dem Gefühl am Arbeitsplatz an, gerade mehreren Beinbrüchen oder Schlimmerem knapp entkommen zu sein. Verursacher der Beinahe-Kollisionen sind dabei oft weniger Autos als andere Radfahrer. Manche von ihnen missachten alle Verkehrsregeln, während sie ihrem Ziel entgegenrasen.

Heute zum Beispiel. Ich bin auf meiner 15 Minuten langen Fahrt über knapp vier Kilometer viermal fast mit Radlern zusammengestoßen. Erster Konflikt: Ich fahre auf dem Radweg einer Vorfahrtstraße, von rechts rast eine Radlerin aus der Seitenstraße, das Vorfahrt-achten-Schild ignorierend, und fährt mich beinahe über den Haufen. Ich bin der Dumme und bremse, die Frau flitzt davon.

Drei Minuten später kommen mir auf dem Radweg zwei Radler entgegen. Sie schützen sich mit Helmen. Wie schön! Noch schöner wäre es, wenn sie die Radspur auf der gegenüberliegenden Straßenseite benutzten. Schließlich hat Berlin hier (selten genug!) entlang einer stark befahrenen Straße auf beiden Seiten einen Radweg eingerichtet. Noch ärgerlicher: Die beiden kommen mir mit einer Selbstverständlichkeit mitten auf der Spur entgegen, gerade so, als wäre ich der Geisterradler. Kennt hier noch irgendjemand die Verkehrsregeln?!? Ich werde mal wieder zum Ausweichen genötigt.

Schulterblick? Das war einmal!

Kurz danach – ich fahre inzwischen auf einer Nebenstraße – das nächste gefährliche Manöver. Eine Frau, die eben noch rechtswidrig auf dem Gehweg radelte, fährt an einer Stelle, wo der Bordstein abgeflacht ist, plötzlich auf die Straße, direkt vor mein Vorderrad. Schauen, ob von hinten niemand kommt? Fehlanzeige. Der Schulterblick scheint in Berlin ohnehin abgeschafft. Ist mir bei Autofahrern auch schon mehrfach aufgefallen. Ich ziehe wieder mal an der Bremse.

Und schließlich, kurz vor dem Ziel, noch ein Beinahe-Zusammenstoß: Ein Radfahrer vor mir bremst abrupt ab und dreht sich plötzlich zur Seite und tritt wieder in die Pedale. Er will offenbar links abbiegen, hatte das aber nicht angekündigt. Ich war schon dabei, ihn links zu überholen. Zum Glück kann ich ihm gerade noch ausweichen.

Das frustriert auf Dauer: Man fährt ordentlich und hält sich an die Regeln, nur um von Radfahrerrowdys ausgebremst zu werden, die glauben, die Straße gehöre allein ihnen. Denn die heutigen Treffer auf meiner knapp vier Kilometer langen Strecke sind kein Zufall, sondern die üblichen Schikanen auf dem Weg zur Arbeit. Wo ist nur die Rücksichtnahme geblieben, wann hat der Egoismus die Oberhand gewonnen? Sicher, ich könnte ein ebensolcher Egoist werden und in Rambomanier über Kreuzungen preschen und Fast-Unfälle provozieren. Das will ich aber nicht. Ich will einfach nur sicher ans Ziel kommen, ohne ständig auch noch Fehlverhalten anderer mitbedenken zu müssen.

Vor einiger Zeit sagten mir zwei Kampfradler in einem Interview, die einseitig auf Autos ausgerichtete Verkehrspolitik zwinge sie immer wieder dazu, Verkehrsregeln zu missachten. Denn in bestimmten Situationen sei es unmöglich, sich an diese zu halten. Rechtmäßig ist das nicht, aber zumindest nachvollziehbar.

Für die Radler, mit denen ich heute fast zusammengestoßen wäre, gilt das aber nicht. Es sind rücksichtslose Rowdys, denen ich am liebsten ein Fahrverbot erteilen oder das Rad wegnehmen würde. Kann ich leider nicht. So bleibt mir nur der Ausruf "Idiot!". Und bisweilen der böse Wunsch, der Radrowdy möge an der nächsten Ecke über eine fiese Glasscherbe fahren.

Verkehr - Die tödliche Seite des Radverkehrs In Berlin steigt die Zahl der Radfahrer und auch die ihrer Beteiligung an schweren Unfällen. Beim Ride of Silence wird einmal jährlich der toten Radfahrer gedacht.