So also fühlt sich der kalte Entzug an. Ein Gedanke, ein Reflex, der Griff zum Telefon, der Wille, schnell einem Kollegen eine E-Mail zu schreiben – und dann das Aha-Erlebnis: Smartphone im Flugmodus. Es ist Mittwochabend, der dritte Tag, an dem ich die Bahnfahrten analog verbringen möchte. Keine Mails, keine Telefonate. Nur Zeitungen und Jonathan Franzens Buch Unschuld.

Und es ist furchtbar absurd. Tatsächlich ertappe ich mich dabei, keine 40 Minuten am Stück zu lesen. Nach zehn Minuten greife ich zum Telefon, wenig später noch mal. Obwohl ja nichts passieren wird, außer die Uhrzeit zu sehen. Was ist da los mit mir?

Vor dem Experiment hätte ich mich nicht als internetsüchtig bezeichnet. Schon allein deshalb nicht, weil ich gerade zwei Wochen Urlaub hinter mir habe, in dem ich mein Telefon – und damit das Internet – zu Hause gelassen hatte. Ich jage keine Pokémons und aktualisiere mein Facebook-Profil nur sporadisch.

Dann kam der Arbeitsalltag. Am Montag konnte ich unmöglich das Telefon auslassen. Zwei Interviews standen an, und den aktuellen Stand zum Putsch in der Türkei wollte ich auch nicht ignorieren.

Am Dienstag wird die ZEIT produziert, und war es nicht so, dass sich ein Pressesprecher am Morgen melden wollte? Während der Rückfahrt abends bleibt das Telefon natürlich auch an, könnte ja sein, dass der Spätdienst doch noch eine Rückfrage zum Text hat.

Selbst am Mittwochmorgen schalte ich nicht in den Flugmodus. Der Zug fährt eine enorme Verspätung rein, das Ressort will informiert werden – und wenn ich danach das Telefon abstelle? Sähe das nicht sehr nach Arbeitsverweigerung aus? Es bleibt an.

Dann kommt der Mittwochabend. Da sitze ich nun und bin drauf und dran, das Telefon anzulassen.

Aber aus heißt aus. Vier, fünf Mails hätte ich sonst wohl unterwegs geschrieben. Wenn jede Mail nur drei Minuten Aufmerksamkeit bedeutet, dann wären das schon 15 Minuten oder acht Romanseiten oder zwei große Zeitungsreportagen oder ein Power-Nap. Am Ende schreibe ich gar keine Mail mehr. Sie waren eine Stunde später gar nicht mehr so wichtig.

Donnerstag stellt sich bereits Gewöhnung ein. Der Blick aufs Telefon wird deutlich seltener. Stattdessen lese ich ältere Zeitungstexte, zum Beispiel aus der Welt über "digitale Entgiftung". Die Organisatorin einer Veranstaltung namens Unplugged Weekend berichtet darin, dass wir im Schnitt 150 Mal am Tag auf unser Telefon gucken: "Viele von uns verbringen mehr Zeit damit, auf ihr Smartphone zu schauen als ihrem Partner in die Augen." Professoren warnen: "Wer nie abschaltet und auch in der Freizeit stets direkt auf E-Mails und Anrufe reagiert, wird auf Dauer unproduktiv." Und eine Unternehmensberatung will schon berechnet haben, dass die Rund-um-die-Uhr-Mailerei Kosten von rund 130 Milliarden Euro im Jahr verursacht – weil always on die Menschen krank macht.

Vor wenigen Wochen beschäftigte sich auch der Guardian mit dem Phänomen der Dauererreichbarkeit. "Der exzessive Gebrauch von E-Mails kann zu schnellerem Burn-out, Familienkonflikten, sinkender Arbeitszufriedenheit und einer schlechteren Gemütslage führen", warnt dort ein renommierter US-Professor. Ein anderer stellt die Frage: Wenn jemand eine unverschämte Mail bekommt und zugleich mit seinen Kindern spielt, wie soll er damit umgehen? Kann er so einfach die Wut auf die Mail abstellen und sich wieder den Kindern zuwenden?

Natürlich ist die Fahrt zur Arbeit für die meisten Menschen kein Freizeitvergnügen, aber bis auf wenige Ausnahmen ist sie eben auch keine Arbeitszeit. Mir hat die Woche sehr geholfen. Ich schreibe nicht nur weniger Mails, sondern habe auch gelernt, dass ich im Zug produktiver und entspannter bin, wenn ich mich nicht dauernd selbst ablenke. Nächste Woche habe ich außerdem anderes zu tun. Von Jonathan Franzens Buch habe ich im Zug nicht eine Seite gelesen.