Volkswagen steckt in der nächsten Krise. Europas größter Autohersteller mit weltweit mehr als 600.000 Beschäftigten muss wegen eines Streits mit Zuliefererbetrieben die Produktion teilweise einstellen. Tausende Mitarbeiter sind von Kurzarbeit betroffen, Autos können nicht ausgeliefert werden. Worum es bei dem Streit geht, welche Konsequenzen er hat und wie es weitergeht: die wichtigsten Antworten zum Zulieferstreit.

Worum geht es?

Zwei Zulieferfirmen von VW weigern sich, bestellte Teile für Getriebe und Sitze zu liefern. Diese sind vor allem für den Golf bestimmt, das wichtigste Volkswagen-Modell. Weil VW rentabler werden will und wegen der Folgen des Abgasskandals sparen muss, will der Konzern den Unternehmen weniger bezahlen beziehungsweise den Umfang der Aufträge reduzieren. Zu jedem VW-Modell und jeder Marke des Wolfsburger Konzerns tragen Dutzende Lieferanten in teils langen international verflochtenen Ketten bei.

Die beiden Firmen aus Sachsen, ES Automobilguss und Car Trim, argumentieren, der Autohersteller zwinge sie zum Lieferstopp, weil "frist- und grundlos" Aufträge gekündigt worden seien. Laut einem Medienbericht geht es um 58 Millionen Euro, die den mittelständischen Unternehmen künftig fehlen und für die sie einen Ausgleich von VW wollen. Durch das Aussetzen der Verträge seien Arbeitsplätze in Gefahr, deshalb habe man nun zu der Maßnahme gegriffen, erläutern die Zulieferer. Bei ES wurde am Montag eine Betriebsversammlung einberufen.

Die Nachrichtenagentur dpa berichtet, dass eine Lappalie Auslöser für den Streit sein könnte. Demnach gibt es Querelen um eine Rechnung für Juli. Ein Lieferant müsse fürchten, fast 400.000 Euro für Leistungen aus dem Monat Juli nicht bis zum vereinbarten Termin von VW bezahlt zu bekommen. Der angebliche Grund dafür sei ein Differenzbetrag von 80 Euro, also ungefähr 0,02 Prozent der Rechnungssumme. Aus dem Hause Volkswagen hieß es, dass es sich um keinen ungewöhnlichen Vorgang handele und dass in der Rechnungsbearbeitung manchmal Klärungsbedarf auftauche. Das Geld sei daher derzeit noch nicht überwiesen, Termin sei aber erst der 25. August. Das Unternehmen aus Sachsen teilte mit, dass der Vorgang in keinem Zusammenhang mit dem Lieferstopp stehe.

Wie können kleine Zulieferer einen Konzern lahmlegen?

Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. 1998 zum Beispiel verursachten fehlende Türschlösser bei Ford einen Produktionsstillstand. Allerdings ist das Ausmaß bei VW heute ein anderes. Wenn ein Zulieferer bei einem Bauteil die einzige Bezugsquelle ist, hat er eine gewisse Macht. Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer wirft VW in dem Zusammenhang Fehler vor: "Wenn man schon auf single sourcing geht, braucht man eine sehr solide und äußerst stabile Geschäftsbeziehung."

ES und Car Trim sind mit Volkswagen schon lange gut im Geschäft und gelten als beständige Partner. ES ist auf Gussgetriebe spezialisiert, Car Trim auf Innenausstattung wie Autositze. Hinter den beiden Unternehmen steht die Prevent-Gruppe. Diese hat ihren Deutschlandsitz in Wolfsburg, beheimatet ist das Großunternehmen in Bosnien-Herzegowina. International gibt es laut Website mehr als 20 Standorte, der formale Hauptsitz liegt in Slowenien.

Die Zulieferergruppe ist seit Jahrzehnten im Geschäft und liegt auch mit VW-Konkurrent Daimler im Streit. In einem Gerichtsverfahren fordert Prevent 40 Millionen Euro Schadenersatz. Der Zulieferer sieht Verträge seitens des Stuttgarter Herstellers als nicht erfüllt und nicht wirksam beendet an.

Wer ist vom Produktionsstopp bei VW betroffen?

In den Werken in Emden, Wolfsburg, Zwickau, Kassel, Salzgitter und Braunschweig könnten insgesamt 27.700 Mitarbeiter bis Ende August nicht so arbeiten, wie es eigentlich geplant sei, berichtet der VW-Betriebsrat. Sollte Kurzarbeit beantragt werden und die Bundesagentur für Arbeit dieser zustimmen, erhalten Beschäftigte weiter Lohn und Gehalt für die tatsächlich geleistete Arbeitszeit. Ihr ausfallender Nettolohn wird durch das Kurzarbeitergeld teilweise ausgeglichen: Zu 60 Prozent bei Kinderlosen sowie zu 67 Prozent bei Beschäftigten mit mindestens einem Kind.

Am Samstag hatte der Konzern im Wolfsburger Stammwerk Bereiche zur Vorbereitung der Fertigung ausgesetzt. Ab Montag fallen bis kommenden Samstag Schichten in der Kernproduktion aus. In Zwickau geht die Montage der Modelle Golf und Passat weiter. In Emden hatte die Belegschaft schon in den vergangenen Tagen weniger gearbeitet, für 7.500 Mitarbeiter wurde Kurzarbeit angemeldet. Wie es weitergeht, lässt sich laut VW erst im Verlauf der kommenden Tage absehen.

Was bedeutet das für Kunden?

Einige Händler sorgen sich um die Liefertermine bestellter Autos. Der VW-Vertrieb teilte mit, dass mit einer Entspannung der Lage gerechnet werde. Bei einzelnen Wagen könne es aber zu Verzögerungen kommen. 

Was kostet das VW?

Dazu gibt es nur grobe Rechenbeispiele. Die Nachrichtenagentur dpa rechnet vor, dass in der Woche allein in Wolfsburg und Emden pro Tag etwa 3.450 Autos weniger gefertigt werden. Im ersten Halbjahr habe die Kernmarke an jedem ausgelieferten Wagen vor Zinsen und Steuern im Schnitt 394 Euro verdient. Demnach sorge der Produktionsausfall pro Woche für knapp sieben Millionen Euro weniger operativen Gewinn.

Allerdings werden die Autos ausgeliefert, wohl nur etwas später. Niemand weiß, wie lange der Produktionsausfall andauert und ob Entschädigungen an Kunden oder von den Lieferanten bezahlt werden müssen.

Wie geht es weiter?

Am Montagnachmittag soll es erneut Gespräche mit Prevent geben. Diese hatten zuletzt nichts gebracht: Bis in die Nacht zum vergangenen Samstag verhandelten die Kontrahenten, ohne sich wenigstens über die Interpretation des Terminplans zu einigen.

Beim Landgericht Braunschweig hat Volkswagen für ES und Car Trim einstweilige Verfügungen erwirkt, die Teile zu liefern. Nach Auskunft des Gerichts sind die Verfügungen auch vollstreckbar, obwohl noch Fristen für Stellungnahmen ausstehen. Nach Darstellung der Zulieferer ist es aber nicht möglich, die Teile zu beschlagnahmen, die Braunschweiger Verfügung ordne nur "die Belieferung in noch zu bestimmendem Umfang an". Wolle VW dies zwangsweise durchsetzen, seien ein weiterer Antrag und Beschluss nötig. Ob VW am Ende tatsächlich per Gerichtsvollzieher Autoteile ins Werk holt, ist noch nicht ausgemacht.

Die Finanzaufsichtsbehörde Bafin prüft unterdessen, ob der Konzern die Öffentlichkeit früher über die Probleme hätte informieren müssen. "Wir sind der Auffassung, unsere kapitalmarktrechtlichen Pflichten ordnungsgemäß erfüllt zu haben", teilte ein VW-Sprecher mit.