Der Laster wird zum Hightechgerät – Seite 1

Viele Autofahrer nehmen Lastwagen lediglich als Störenfriede auf der Autobahn wahr – doch ohne die Lkw blieben Supermarktregale leer und Pakete kämen nicht bei ihren Empfängern an. Etwa drei Viertel des Gütertransports findet in Deutschland über die Straße statt. Die Branche steht vor einem radikalen Wandel: Die Lkw überholen die Pkw, was die Innovationen betrifft – das zeigt zumindest die IAA (Internationale Automobil-Ausstellung) Nutzfahrzeuge in Hannover, die am Donnerstag mit rund 2.000 Ausstellern beginnt.

"Wir werden in den nächsten zehn Jahren mehr Veränderungen erleben, als wir in den vergangenen 50 Jahren erlebt haben", sagt Wolfgang Bernhard, Vorstand bei der Daimler-Nutzfahrzeugsparte. Der Stuttgarter Marktführer stellt in Hannover vom elektrischen Lkw über neue Assistenzsysteme bis zu Internetdienstleistungen die volle Bandbreite an Neuheiten vor.

Der Lkw der nahen Zukunft ist mit seiner Umgebung vernetzt, das hat für die Speditionen klare Vorteile. Rund ein Drittel aller Lkw-Fahrten sind Leerfahrten, zudem lassen Warterei an der Be- und Entladestation oder im Stau noch Raum für effizientere Logistikabläufe. Heute läuft in vielen Speditionen das Geschäft nach wie vor papierlastig, analog ab, und das Telefon dient als hauptsächliches Kommunikationsmittel. In Zukunft sollen Auftraggeber Lücken auf der Ladefläche in der jeweiligen Route in Echtzeit erkennen und buchen können, und Frachtbörsen sorgen für eine effiziente Verteilung.

Weil der Lkw immer online ist, gibt es einen ständigen Informationsabgleich: Sowohl Spedition als auch Versender und Empfänger der Fracht sind über den Status des Auftrags minutengenau informiert. Das System teilt eventuelle Routenänderungen oder Verspätungen unmittelbar mit, sodass die Logistiker bei Lieferverzögerungen, aber auch bei der Entladeplanung reagieren können.

Zeitreise mit Bosch ins Jahr 2026

Verschiedene Hersteller und Zulieferer arbeiten an derartigen Telematiksystemen. Der große Zulieferer Bosch geht davon aus, dass sich Konnektivität und autonomes Fahren im Gütertransport dynamischer entwickeln als bei den Pkw. "Wir erwarten eine große Entwicklung im Nutzfahrzeugbereich, einfach weil es sich rechnet", sagt Markus Heyn von der Bosch-Geschäftsführung.

Welche Funktionen ein Lastwagen in zehn Jahren haben könnte, zeigt Bosch auf der Messe mit der Studie VisionX. Das Fahrzeug bekommt laufend alle wichtigen Informationen über Route, Staus, Umleitungen und Entlademöglichkeiten am Zielort. Somit kann die Routenführung optimal an den Verkehr, aber auch an neue Ladeziele angepasst werden: Weil der Spediteur jederzeit verschlüsselten Zugriff auf die Lkw-Daten und auch auf die Beladungszustand hat, lässt sich das Fahrzeug flexibler disponieren und der Frachtraum kann bestmöglich ausgenutzt werden.

Das Klemmbrett mit dem Frachtpapieren gehört der Vergangenheit an, denn auch das Ladungsmanagement erfolgt künftig digital. Sensoren behalten auch die Ladung im Blick. Sie registrieren zum Beispiel, wenn ein Unbefugter sich am Frachtraum zu schaffen macht. Das soll Ladungsdiebstähle vermeiden.

Der Kraftfahrer wird zum Logistiker

Das Steuer übernimmt bei der Studie, die das Jahr 2026 simuliert, zumindest in Teilen der Lkw selbst. Sobald die Autobahn erreicht ist, gliedert er sich in einen Platoon ein – eine Art Güterzug aus Lastwagen. Gemeinsam mit weiteren Lkw, die in relativ geringem Abstand von etwa 10 bis 15 Metern hintereinander herfahren, folgt der Truck einem Lastzug an der Spitze, mit dem er über Vehicle-to-Vehicle-Kommunikation elektronisch verbunden ist. Durch synchronisierte Gas-, Brems- und Lenkeingriffe der Platoon-Partner ist das laut Bosch sicherer als eine Alleinfahrt. Durch das Fahren im Windschatten sollen die nachfolgenden Fahrzeuge zudem Kraftstoff sparen: Bis zu zehn Prozent Ersparnis hält der Zulieferer für realistisch.

Das ist der entscheidende Punkt. Für die Spediteure ist das sogenannte TCO – Total Cost of Ownership – entscheidend: Jede Investition wird daraufhin geprüft, ob sie sich rentiert. "Neue Technik für Nutzfahrzeuge ist erfolgreich, wenn sie Wirtschaftlichkeit und Effizienz steigert", sagt Bosch-Manager Heyn. Fast ein Viertel der Gesamtausgaben machen die Kraftstoffkosten aus, daneben ist auch die Vermeidung von Standzeiten oder Leerfahrten für Spediteure wichtig.

Selbstfahrende Lkw sollen Straßen besser auslasten

Auf dem Weg zum autonomen Fahren gelten schwere Nutzfahrzeuge ohnehin als Wegbereiter. Nicht allein wegen der betriebswirtschaftlichen Vorteile, auf die die kostensensiblen Kunden angewiesen sind, sondern auch aufgrund ihres vorhersehbaren Einsatzgebietes. Viel spielt sich entweder auf innerbetrieblichem Gebiet außerhalb des öffentlichen Verkehrsraums ab oder auf kreuzungsfreien Strecken wie Autobahnen. Ein weiterer Vorteil ist die gleichmäßige und nach oben begrenzte Geschwindigkeit.

Tests laufen bereits. Im April waren bei einem Feldversuch teilautonome Lkw-Platoons von Volvo, Scania, MAN, Daimler, DAF und Iveco quer durch Europa unterwegs. Neben der erwähnten Kraftstoffersparnis sollen die Lkw-Verbünde auch die Straßen besser auslasten. Schließlich steigt der Lkw-Güterverkehr nach Prognosen des Verkehrsministeriums bis 2030 um knapp 40 Prozent. Dann wird auch die bessere Abstimmung des Verkehrs nötig. Hier können Lkw künftig auch aktuelle Informationen etwa über Staus oder den Straßenzustand an die Cloud weiterleiten: Daten, von denen dann auch Autofahrer profitieren.

Mit den technischen Neuerungen ändert sich in Zukunft auch das Berufsbild des Berufskraftfahrers. Er wird mehr und mehr zum Logistiker. Ist der Lkw ohne sein Zutun im Verbund oder autonom unterwegs, kann er im Cockpit Büroarbeiten erledigen – zum Beispiel Ladungen bestätigen, um die Auslastung weiter zu erhöhen.