Wie fährt es sich in anderen Ländern Fahrrad? Welche Rolle spielt es im Verkehrsalltag der Menschen und wie sicher ist es, dort mit dem Rad unterwegs zu sein? Das haben wir Korrespondenten von ZEIT und ZEIT ONLINE gefragt.

In den folgenden Texten nehmen sie uns mit auf die Straßen von Paris, Sydney, Moskau, Bangkok, London, Beirut und Rio de Janeiro.

Paris: Als führen nur Grüne Fahrrad

Fahrradfahren in Paris ist ein großes Thema. Es kann jeden Café- und Familientisch der Hauptstadt spalten. Denn wie jedes große Pariser Thema ist es ideologiebeladen. Als müsste man Grüner sein, um in Paris Fahrrad zu fahren.

Doch reden wir erst mal über die reale Lage. Ja, es gibt jetzt in Paris einige, seltene Fahrradwege. Das ist schon ein großer Fortschritt, zumal einer von ihnen, zwischen Bastille und République, geradewegs zum Kindergarten meiner Tochter führt. Auch sind inzwischen auf vielen Einbahnstraßen Fahrräder in Gegenrichtung erlaubt, was das Fahrradfahren in den engen Gassen des Pariser Zentrums sehr erleichtern kann. Gar nicht zu reden vom Vélib’-Programm, den vielen Mieträdern, die das Pariser Rathaus jetzt überall in der Stadt zu geringem Preis zur Verfügung stellt, wenn man sich eine Abonnementkarte besorgt.

Das alles führt dazu, dass Fahrräder in Paris keine Seltenheit mehr sind, wie das noch der Fall war, als ich in den 1980er Jahren zum ersten Mal in der Stadt wohnte. Damals war Fahrradfahren in Paris die Hölle. Die Autofahrer nahmen Radfahrer schlicht nicht zur Kenntnis. Ich gab es schnell wieder auf.

Und doch ist etwas von dieser Hölle bis heute geblieben. Gerade hat die Tageszeitung Figaro auf ihrer ersten Seite einen bösen Leitartikel gegen die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo veröffentlicht. Darin wird ihr vorgeworfen, die Autobahnen am Seine-Ufer zu Fußgängerzonen und Fahrradwegen umbauen zu wollen – im Namen einer linken Schickeria, die Fahrrad fährt, und gegen die Interessen der Mehrheit. Der fiese Ton dieses Artikels reflektiert die Stimmung an den Café- und Familientischen und macht, dass mir als Fahrradfahrer in Paris bis heute ein Grundvertrauen fehlt. Ich bin immer auf der Hut, rechne immer damit, dass mir ein Autofahrer die Vorfahrt nimmt. Denn ich werde das Gefühl nicht los, als Radfahrer in Paris nicht gut gelitten zu sein.

Das fängt schon in der Hausgemeinschaft an. Kein Nachbar sieht es gern, wenn im ansonsten leeren, ungenutzten Hinterhof ein Fahrrad steht. Nur die Ausrede, dass ich ja täglich die Tochter fahren müsse, konnte die Nachbarn nach vielem Meckern erweichen, unserem Fahrrad einen versteckten Stehplatz unter einer Treppe zu gewähren. Auch auf der Straße hat sich nicht so viel verändert wie erhofft. Nimmt man etwa einen der neuen Fahrradwege in Gegenrichtung einer Einbahnstraße, hupen die Autofahrer nicht selten wütend los – sie denken immer noch, es gäbe nur eine Fahrtrichtung.

Das Schlimme ist, dass tatsächlich nur eine kleine Zahl von Gutbetuchten auf das Fahrrad umsteigt. Sie hat das Geld, um in Paris zu leben. Dagegen gibt es kaum Fahrradstrecken, die Paris mit den Vorstädten verbinden. Weshalb ein Blatt wie der Figaro es sich dann eben leisten kann, auf die Zweiradbegünstigten einzudreschen. Dabei wäre im Prinzip kein Verkehrsmittel für Paris geeigneter als das Fahrrad. Aber das ist natürlich die Ansicht eines Deutschen, der sich nicht scheut, auch mal eine Regenjacke anzuziehen. Die aber gehört immer noch nicht zum allgemein akzeptierten Pariser Outfit. Weshalb bei Regen die meisten Pariser Fahrräder stehen bleiben und Radfahren immer noch als ideologische Haltung missverstanden wird.

Georg Blume, Paris