Sollen die schnellen E-Bikes auf den Radweg?

Mit zwölf km/h rollt Lisa Meier* auf ihrem S-Pedelec über die Straße. Theoretisch könnte sie flotter fahren – die schnelle Kategorie der Pedelecs schafft bis zu 45 km/h. Doch Meier begleitet ihr Kind zur Grundschule. Die Tochter fährt auf dem Radweg, doch für ihre Mutter ist dieser tabu. Schließlich gilt ihr schnelles E-Bike als Kleinkraftrad. Der Autofahrer hinter ihr hupt trotzdem. Als er zu ihr aufschließt, gestikuliert er wild in Richtung Radweg und zeigt ihr einen Vogel.

"Mit dem S-Pedelec bin ich auf der Straße immer wieder ein Verkehrshindernis", stellt Meier fest. Die erlaubten 45 km/h fährt sie nie. Um dieses Tempo zu erreichen, müsste sie so kräftig in die Pedale treten, dass sie ihre Leistungsgrenze erreicht. Die Folge: Sie käme verschwitzt und erschöpft in ihrem Büro am Stadtrand an. "Das geht nicht", sagt sie.

Wie Lisa Meier geht es vielen S-Pedelec-Fahrern. "Dauerhaft mit 45 km/h durch die Stadt zu fahren ist nicht möglich", sagt der E-Bike-Experte Andreas Wildgrube von Cannondale. Seine Erfahrung zeigt: Eine Geschwindigkeit von 32 bis 36 km/h reicht den meisten Fahrern völlig aus. Mit diesem Tempo sind auch viele Rennradfahrer auf geeigneten Radwegen unterwegs. S-Pedelecs sind dort jedoch unerwünscht, ebenso wie auf Feld- oder Radschnellwegen.

Als Kleinkrafträder müssen die S-Pedelecs auf die Straße. Doch mit einem Tempo um die 30 km/h wollen das viele nicht, potenzielle Käufer schreckt diese Regelung ab. So hinken die schnellen Pedelecs bei den Absatzzahlen der langsameren Variante, die bis zu 25 km/h erreicht, hinterher. Dabei sind die S-Pedelecs die perfekten Pendlerräder für die Langstrecke.

Unfallforscher sieht keine Gefahr in den S-Pedelecs

Unter Experten ist insbesondere das Fahrverbot auf den geplanten Schnellstrecken ein Streitpunkt. Derzeit wird in Nordrhein-Westfalen der erste Radschnellweg Deutschlands gebaut, der RS1 von Hamm nach Duisburg. Er soll 101 Kilometer lang werden, vier Meter breit und später auch beleuchtet sein. Das klingt nach ausreichend Platz für sichere Überholmanöver. Aber Martin Tönnes, Bereichsleiter Planung für den RS1 im Regionalverband Ruhr, winkt ab. "Bislang gehen wir nach Gesetzeslage vor", sagt er. Das heißt: Keine S-Pedelecs auf dem RS1.

Tönnes kann sich vorstellen, den Radschnellweg für diese Pedelec-Art zu öffnen. "Überholmanöver sind dort möglich", glaubt er. Ihn stören jedoch die engen Kurven, die zum RS1 hinführen.

Tilman Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik sieht das gelassen. "S-Pedelecs werden benutzt, wie andere Pedelecs auch", sagt er. Ihre Fahrer seien nicht schneller unterwegs, als es die Verkehrslage erlaubt. Warum auch? Schließlich führen Porschefahrer in der Innenstadt auch nicht Tempo 200. "S-Pedelecs bieten Pendlern eine echte Chance, das Auto zu ersetzen", sagt Bracher. Das Problem sei die fehlende Lobby. Die aktuelle Rechtslage findet er absurd.

Sie führt anscheinend auch zu seltsamem Verhalten. Bracher und andere Branchenkenner berichten von S-Pedelecfahrern, die das für diese Zweiräder erforderliche Nummernschild von ihrem Fahrzeug abschrauben, damit sie langsam über Radwege gondeln können.

Dabei sehen selbst kritische Verkehrsexperten in den S-Pedelecs kein Sicherheitsrisiko. Eine Verhaltensanalyse der Unfallforschung der Versicherer (UDV) hat 2014 gezeigt: Elektroräder zeigen keine besondere Unfallhäufigkeit auf. Siegfried Brockmann, Leiter der UDV, sagt: "Auf bis zu vier Meter breiten Wegen ist ausreichend Platz, damit schnelle Fahrer langsamere Fahrer sicher überholen können."

Wissenslücken bei den Verantwortlichen

Die Entscheidungsträger sind ganz anderer Meinung. "Das Verkehrsministerium unterscheidet nach Fahrzeugart. S-Pedelecs sind Kraftfahrzeuge", erläutert Peter London, Radverkehrsexperte im nordrhein-westfälischen Verkehrsministerium. "Radschnellwege sind für Fahrräder da. Die werden mit Muskelkaft betrieben und können von einem Hilfsmotor unterstützt werden. Dann sind es Pedelecs oder E-Bikes. Alles, was einen Führerschein benötigt, ist kein Fahrrad und gehört auch nicht auf den Radschnellweg."

Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) wehrt sich gegen S-Pedelecs auf dem RS1. "Mit dem großen Geschwindigkeitsunterschied machen wir das kaputt, was Radinfrastruktur ausmacht", sagt der ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork. Sein Argument: Es gebe gar keine große Nachfrage danach, mit den schnellen E-Bikes auf dem Radschnellweg zu fahren. Schließlich liege der durchschnittliche Pendlerweg auf dem RS1 nur bei zwölf Kilometer. "Wenn man dort unterbrechungsfrei 20 km/h fahren kann, kommt man unglaublich schnell voran", sagt Stork.

Während in Deutschland die Diskussion gerade erst anläuft, ist die Schweiz schon weiter. Dort waren im vergangenen Jahr 25 Prozent aller verkauften E-Bikes von der schnellen Sorte. Genaue Vergleichszahlen für Deutschland kann der Zweirad-Industrie-Verband zwar nicht liefern. Der größte deutsche Fahrradhersteller Derby Cycle hat allerdings nach eigenen Angaben in Deutschland 2015 weniger als fünf Prozent S-Pedelecs verkauft. In die Schweiz lieferte er dagegen mehr als zehn Prozent der Elektroflitzer.

Kein Wunder. "Dort darf man mit den Rädern alles machen, was auch mit einem normalen Rad möglich ist", sagt Andreas Wildgrube von Cannondale. Entscheidend für ihn ist: Sie dürfen Radwege benutzen.

"Die Regierung sollte S-Pedelecs nicht bremsen, sondern fördern"

Als Grund für den großen Unterschied sieht Wildgrube eine Wissenslücke. Die Verantwortlichen, die in Deutschland die Rechte festlegen, kennen sich mit S-Pedelecs nicht aus, viele von ihnen seien noch nie ein schnelles Elektrorad gefahren. Wildgrubes These schien sich während der Recherche für diesen Text zu bestätigen. Manche Entscheider wissen beispielsweise tatsächlich nicht, wie die Räder die Höchstgeschwindigkeit erreichen. Dass der Radfahrer selbst kräftig in die Pedale treten muss, um die 40-km/h-Grenze zu knacken, war einigen neu.

Branchenkenner wundert das nicht. "Die technische Entwicklung der E-Bikes verlief in den vergangenen Jahren rasant", sagt Markus Riese, Geschäftsführer des E-Bike-Herstellers Riese. Deshalb ist es jetzt aber an der Zeit, die fachliche Debatte zu führen. Denn egal mit wem man spricht, jeder in der Branche scheint eine andere Lösung parat zu haben.

Für Siegfried Neuberger vom Zweirad-Industrie-Verband ist ein Zusatzschild, das Radwege außerorts und auch Radschnellwege für schnelle Pedelecs freigibt, das Mittel der Wahl. Markus Riese dagegen plädiert für eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf Radwegen. "80 Prozent der Radwege sind in den Innenstädten sowieso nicht fürs schnelle Fahren geeignet", sagt er. Rennrad- und Mountainbikefahrer seien dort bereits heute langsam unterwegs. Die gern vorgebrachte Kritik, Tempolimits auf Radwegen funktionierten nicht, hält er für ein Scheinargument. "Sportliche Fahrer wissen sehr genau, wie schnell sie unterwegs sind."

Momentan befürchten Stadtplaner, Verkehrsexperten und Oppositionspolitiker, dass die Bundesregierung mit der aktuellen Rechtslage eine große Chance für den Mobilitätswandel verpasst. Matthias Gastel von der Grünen-Bundestagsfraktion bringt es auf den Punkt: "S-Pedelecs können Autofahrten ersetzen und tragen zu einer nachhaltigeren Mobilität bei. Daher sollte die Bundesregierung S-Pedelecs nicht bremsen, sondern fördern." Gastel fordert, Kommunen sollten die Möglichkeit erhalten, Radschnellwege und gut ausgebaute außerörtliche Radwege für S-Pedelecs freizugeben.

Vielleicht sollten alle Entscheider zuvor gemeinsam eine Runde auf S-Pedelecs drehen.

*Name geändert