Für Sicherheitsexperten steht außer Frage, dass der künstliche Sound Sinn ergibt. "Im Stadtverkehr verlassen wir uns sehr oft auf unseren Höreindruck, um mögliche Gefahren zu erkennen. Deshalb ist es notwendig, dass auch die an sich sehr leisen Elektroautos hörbar gemacht werden", sagt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer ZEIT ONLINE. Der Soundgenerator sei vor allem geeignet, Unfälle mit Fußgängern und Radfahrern zu verhindern. "Für solche Verkehrsteilnehmer ist das Geräusch ein wichtiger Indikator, um Geschwindigkeit und Entfernung herankommender Autos abzuschätzen", erklärt Brockmann.

Voraussetzung ist nach Ansicht des Unfallforschers allerdings, dass das Autogeräusch realistisch klingt. Synthetisch erzeugte Brumm-, Pfeif- oder Piepstöne seien nicht geeignet, urteilt Brockmann. Wie die Autos in Zukunft zu klingen haben, ist bisher nicht genau geregelt. Jeder Hersteller wird wohl im Rahmen bestimmter Vorgaben seinen eigenen Elektro-Sound komponieren können. Diesen Rahmen setzt zumindest in der EU die entsprechende Vorschrift für die AVAS: Demnach muss das "Dauerschallzeichen" der E-Autos dem Geräusch eines Verbrennungsmotors entsprechen und eindeutig auf das Fahrzeugverhalten hinweisen. Beim Beschleunigen muss der Wagen also anders klingen als beim Bremsen.

Amerikanische Forscher fanden heraus, dass künstliche Motorengeräusche in einem Frequenzband zwischen 1.600 und 5.000 Hertz am besten wahrgenommen werden. Angesichts der Hörprobleme älterer Menschen werden vor allem tieffrequente Töne empfohlen.

Doch ist die schlechte Geräuschwahrnehmung nur ein Problem der Elektro- und Hybridautos? Eine Studie des Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen deckt auf, dass dies durchaus auch auf Fahrzeuge mit anderer Antriebstechnik zutrifft. Die Forscher haben das Vorbeifahrgeräusch verschiedener Pkw und Kleintransporter gemessen und festgestellt, dass der Opel Agila mit Benzinmotor bei 30 km/h fast genauso leise ist wie der Elektro-Smart: Der Geräuschpegel beträgt nur 59 (Opel) beziehungsweise 58 Dezibel (Smart). Auch der Ford Fiesta ist bei Tempo 30 im zweiten Gang mit 60,5 Dezibel nicht viel lauter als der Elektro-Peugeot des Typs Partner, dessen Vorbeifahrgeräusch mit 60 Dezibel gemessen wurde.

"Bei konstanter Geschwindigkeit im Stadtbereich besteht in der Wahrnehmbarkeit kein Unterschied zwischen modernen Benzinfahrzeugen und Elektroautos", fasst CAR-Forscherin Kathrin Dudenhöffer das Ergebnis der Studie zusammen. Die Messergebnisse zeigten, dass es keine optimale Lösung sei, "Elektrofahrzeuge mit künstlichen Geräuschen auszustatten, aber moderne Benziner nicht".

Forscher gegen künstlichen Sound

Die Messergebnisse werden durch die subjektive Wahrnehmung bestätigt. In drei Versuchsreihen haben die Duisburger Wissenschaftler 240 Menschen zwischen 5 und 95 Jahren befragt. Ein Sechstel von ihnen war schwerhörig, weitere 20 Prozent waren sehbehindert oder blind. Die Testpersonen bekamen die Aufgabe, in einem verkehrsberuhigten Wohngebiet die Geräusche vorbeifahrender Autos zu beurteilen und das Gefahrenpotenzial abzuschätzen. Doch Unterschiede zwischen E-Autos und Modellen mit herkömmlichem Benzinantrieb konnten sie nicht feststellen.

"Das Elektroauto ist in Bezug auf die Geräuschwahrnehmung genauso sicher beziehungsweise unsicher wie der moderne Benziner", sagt Kathrin Dudenhöffer auf Basis dieser Ergebnisse. Bisher sei auch kein signifikant höheres Unfallrisiko von leisen Benzinmodellen bekannt. Darum halten es die CAR-Experten für falsch, "die Vorzüge der Elektroautos – das geräuschlosere Fahren – künstlich zu zerstören".

Zu einer ähnlichen Erkenntnis kam bereits 2013 auch das Umweltbundesamt (UBA). In einem Positionspapier schrieb die Behörde, die Einführung spezieller Dauersignale für Elektrofahrzeuge sei "aus Sicht des Lärmschutzes abzulehnen" – die EU-Kommission entschied sich, wie beschrieben, anders. Die staatlichen Umweltschützer machten einen anderen Vorschlag: Elektroautos sollten mit einem "manuell auslösbaren Hinweissignal" ausgestattet werden. Sprich: Bei Bedarf sollte der Fahrer ein Signal erzeugen lassen, um Fußgänger oder Radfahrer auf seinen Wagen aufmerksam zu machen.

Das Prinzip einer solchen Warntechnik ist seit Langem bekannt: Man nennt es Fahrradklingel.