Ein neues Auto verbraucht im Alltag mehr Sprit, als der Hersteller im Prospekt angegeben hat – diese Erkenntnis ist nicht neu. Doch der Unterschied zwischen dem offiziellen Wert aus dem Labor und dem realen Verbrauch wird immer größer und hat einen neuen Höchstwert erreicht: Im Schnitt liegt der reale Spritverbrauch neuer Pkw heute 42 Prozent über den von den Autoherstellern angegebenen Werten.

Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die die unabhängige Forschungsorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT) am Donnerstag vorstellt und die ZEIT ONLINE vorliegt. Der ICCT hatte im vergangenen Jahr die US-Umweltbehörden auf die Spur der Abgasmanipulation bei VW-Dieselmotoren gebracht.

Für die neue Studie hat das ICCT zusammen mit der niederländischen Forschungsorganisation TNO die Daten von rund einer Million Fahrzeugen der Baujahre 2001 bis 2015 aus sieben europäischen Ländern ausgewertet. Demnach ist die Kluft zwischen Norm- und Realwert so groß wie noch nie. "Als wir unsere Studie im Jahr 2013 zum ersten Mal veröffentlichten, lag die Diskrepanz noch bei etwa 25 Prozent", sagt Uwe Tietge vom ICCT, einer der Autoren der Studie.

Noch vor zehn Jahren betrug die Differenz zwischen dem Norm- und dem Realwert im Schnitt nur etwa 15 Prozent. Allein zwischen 2009 und 2015 hat sich die Diskrepanz verdoppelt. Für die Untersuchung zogen die Forscher unter anderem die Verbrauchswerte von privaten Autobesitzern etwa auf Spritmonitor.de und Fiches-Auto.fr, Tankaufzeichnungen von Dienstfahrzeugen bei Leasingfirmen, Messungen von Testinstituten sowie Straßentests in Automagazinen wie AutoBild und auto motor und sport heran.


Der offizielle Kraftstoffverbrauch und der direkt damit zusammenhängende CO2-Ausstoß neuer Pkw-Modelle werden in Labortests auf dem Rollenprüfstand unter Aufsicht von Prüforganisationen wie TÜV und Dekra ermittelt. Angewandt wird dabei der sogenannte Neue Europäische Fahrzyklus (NEFZ), der Anfang der neunziger Jahre definiert wurde und auf einem früheren Messzyklus fußt. Seit Langem wird kritisiert, dass das Fahrprofil im NEFZ wenig mit der Realität zu tun hat. Zum Beispiel wird im Zyklus maximal 120 km/h gefahren, und das auch nur wenige Sekunden lang. Das Fahren in der Stadt wird im Zyklus überbetont, auch der Standanteil ist hoch. Darum liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit nur bei 34 km/h.

Doch das allein kann die zunehmende Lücke nicht erklären – schließlich werden die Werte für Autos des Baujahrs 2015 nach demselben Zyklus ermittelt wie die Angaben für Autos des Baujahrs 2005.