Das Lieblingsrad wird zum E-Bike – Seite 1

Schon beim Tragen punktet das Pedelec. Das Elektrofahrrad ist leicht, bedeutend leichter als alle E-Bikes, die ich bisher getragen habe. Kein Wunder: Der Antrieb wiegt inklusive Akku gerade mal 6,5 Kilogramm. Das ist wenig. Insbesondere wenn der Motor an ein filigranes Trekkingrad wie dieses montiert wird.

Die Idee: Mit Bausätzen für das Hinterrad oder Tretlager soll das Lieblingsrad zum Flitzer mit Motorunterstützung werden. Ich probiere einen Nachrüstsatz aus, er stammt von dem Zwickauer Hersteller Pendix. Der Antrieb ist bereits von einem Händler montiert, als das Trekkingrad in mein Büro geliefert wird. Das ist verpflichtend für Pendix-Käufer. Der Hersteller will damit sicherstellen, dass ein Fachhändler das Rad prüft, bevor es aufgerüstet wird.

Das ist wichtig, denn der Rahmen, die Gabel und auch die Bremsen müssen für die permanente Fahrt mit Motor geeignet sein. Zurzeit können rund 250 Händler den Nachrüstsatz einbauen. Er besteht beim Pendix aus dem seitlich aufsetzbaren Motor, Elektronik im Tretlager, Sensoren im Tretlager und an den Speichen und ein paar Kabeln. In einem schwarzen Zylinder sind Akku, Steuerelektronik und Bedieneinheit untergebracht, er wird am Rad dort angebracht, wo viele eine Trinkflaschenhalterung haben. Das ist einfach und sieht auch gut aus.

Am Akku wird der Motor angeschaltet und per Drehschalter die Unterstützung gewählt. Das geht auch während der Fahrt. Allerdings muss man dazu die Hand vom Lenker nehmen. Im Eco-Modus spürt man den Motor kaum. Dagegen unterstützt er im Smart- und im Sportmodus den Radfahrer so kraftvoll, wie man es von einem Pedelec erwartet.

Fahrrad mit Pendix-Nachrüstmotor © Andrea Reidl

Auf den ersten Metern ist der Pendix eine echte Überraschung. Der Antrieb ist extrem leise. Das entspricht zwar eigentlich dem Stand der Technik, dennoch ist dieses lautlose Fahren durchaus noch nicht bei allen Motoren Standard. Das Rad hat an eine hohe Laufruhe und macht beim Fahren einen guten Eindruck. Im Smartmodus regelt es klar, aber ohne Ruckeln bei 24 km/h ab, im Sportmodus liegt die Grenze bei 25 km/h. Die traditionellen Hersteller von Pedelecs gehen etwas sportlicher vor. Sie nutzen die Toleranzgrenze, die der Gesetzgeber vorgibt, und stoppen die Motorunterstützung erst bei 26,5 km/h.

Ein Leuchtring am oberen Ende des Zylindergehäuses zeigt den aktuellen Ladestand an. Bei meinem Test-Pendix ist die Reichweite allerdings deutlich niedriger als bei Pedelecs herkömmlicher Hersteller. Im Sportmodus soll eine Akkuladung je nach Bedingungen für eine Strecke zwischen 19 und 45 Kilometern reichen. Bei feuchtem Wetter und Temperaturen zwischen fünf und zehn Grad bin ich morgens mit vollem Akku auf gerader Strecke aber gerade mal zehn Kilometer weit gekommen.

Es gab weder starken Gegenwind noch musste ich häufig anhalten und wieder anfahren. Da sind die zehn Kilometer extrem wenig. Alle Testräder, die ich bisher ausprobiert habe, haben bei niedrigeren Temperaturen bedeutend besser abgeschnitten. Der Pendix-Sprecherin erscheint diese Reichweite ebenfalls sehr gering. Sie will den Akku nun im Service überprüfen lassen.

Händler prüfen vorab, ob das Rad zum Nachrüsten taugt

Auch in einem weiteren Punkt muss Pendix noch nachbessern: Der Antrieb schiebt im Sportmodus stark nach. Das heißt: Wenn man das Treten einstellt, dauert es noch einige Sekunden, bis der Motor tatsächlich die Energiezufuhr einstellt. Das klingt vielleicht wenig, stört im Stadtverkehr aber sehr und kann beim Abbiegen oder bei plötzlichen Bremsmanövern sogar gefährlich werden. Laut Pendix hängt das Nachtreten mit der Autokalibrierung zusammen. Eigentlich soll die Software das Tretverhalten erkennen und nach wenigen Kilometern individuell anpassen.

Von Ernst Brust bekommt der Nachrüstsatz jedoch gute Noten. Für den Geschäftsführer des renommierten Prüfinstituts Velotech, der 2013 zum ersten öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für Elektrofahrräder berufen wurde, spielen dafür verschiedene Faktoren eine wichtige Rolle. Das Entscheidende ist für Brust die Positionierung des Motors. "Die Antriebskraft wird beim Pendix über das Tretlagergehäuse eingeleitet", sagt er. Das sei sinnvoll, denn für die dort auftretenden hohen Kräfte sei das Tretlager vorgesehen.

Außerdem findet Brust die Bindung über den Handel wichtig. Pendix schult die Händler, sie prüfen die Räder vor dem Einbau des Nachrüstsatzes. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn dadurch werden sie laut Brust zum Hersteller und sind auch haftbar, falls der Radfahrer aufgrund eines fehlerhaften Umbaus stürzt. Allerdings bietet Pendix den Händlern auch eine Versicherung für den Schadensfall an.

1.490 Euro für den Nachrüstsatz

Bei anderen Nachrüstsätzen sind diese Anforderungen in der Regel nicht erfüllt. Dort sind Motor und Akku im Vorder- oder Hinterrad untergebracht. Der Fahrradbesitzer muss nur sein Laufrad wechseln, um mit Motor fahren zu können. Die horizontale Beschleunigungkraft, die von Motoren im Vorderrad ausgeht, kann laut Brust in der Gabel zu Resonanzen führen. Ist sie für diese Belastung nicht ausgelegt, könne ein Gabelbruch die Folge sein.

Mit dem Pendix-Antrieb sind Radfahrer also auf der sichereren Seite. Aber lohnt sich der Kauf? Der günstigere Nachrüstsatz mit 250 Watt starkem Tretlagermotor und einem 300 Wattstunden (Wh) großen Akku kostet 1.490 Euro. Das Modell eDrive Flex600 mit mehr Leistung und mehr Reichweite kostet 1.740 Euro. Hinzu kommt jeweils noch die Montage mit etwa 60 bis 100 Euro sowie das Rad, das man zum Pedelec umrüsten möchte.

Zum Vergleich: Ein hochwertiges komfortables Pedelec, das fürs Pendeln auf Distanzen für 20 Kilometer und mehr geeignet ist, kostet etwa 2.500 Euro. Hilfreich bei der Entscheidung ist eine Probefahrt: Pendix gegen Pedelec. Dann zeigt sich schnell, ob das Lieblingsrad einen Nachrüstsatz bekommen soll oder nicht.