Wolfgang Hagemann ist ein Retter. Der 54-jährige Werbetechniker aus Cloppenburg hat sich dem Erhalt einer heute fast vergessenen Kunst verschrieben: Er sammelt handgefertigte Rennräder aus Stahl mit besonderen Rahmendesigns, eigenwillig konstruierten Bremsen oder Lenkern. Und er restauriert diese Relikte aus der Vergangenheit.

Aus der stammt zum Beispiel ein Schmuckstück, das die Handschrift des Designers Luigi Colani trägt. Der hatte 1982 für die Internationale Fahrrad- und Motorradausstellung in Köln im Auftrag der Firma Kalkhoff ein Rennrad entworfen, das weniger als fünf Kilogramm wiegen sollte. Die von Colani gestalteten Dummies aber waren noch richtig schwer – und alles andere als fahrtüchtig.

Hagemann hatte das Glück, in den Besitz eines der wenigen Rahmen zu kommen, die damals für Colani gebaut wurden. In seiner Werkstatt in Cloppenburg baute er das Designrad so auf, dass es jetzt fahrbar ist. Vermutlich hat der 54-Jährige damit ein Einzelstück in seiner Sammlung.

Ein Designerrennrad von Luigi Colani © Wolfgang Schäffer

Radraritäten sind Hagemanns Spezialität. Während Hersteller wie Cinelli und Colnago wenigstens Fachleuten noch bekannt sind, können nur absolute Insider etwas mit den Namen Textima, Maza, Mécacycle, MKM oder Rigi anfangen. Die Marke Rigi beispielsweise hatte eine besondere Rahmenkonstruktion, mit zwei dünnen Streben als Sitzrohr. Das Hinterrad lief zwischen den beiden feinen Rohren, konnte dadurch nach vorn rücken. Eine Idee, die auch von Colani übernommen wurde.

Textima war die damalige Fahrradschmiede für die Nationalmannschaft der DDR. Ein paar wenige Techniker waren in dem VEB-Kombinat dafür abgestellt, das beste Material zu entwickeln, um den Radsportlern das Siegen leichter zu machen. Ein nach vorn abfallendes Oberrohr und der tief sitzende Lenker ohne Vorbau und sichtbaren Steuersatz waren die typischen Merkmale für die Räder. Die Konkurrenz kopierte das Konzept später vielfach.

"Ein komplett echtes Textima-Rad wird es kaum geben", glaubt Hagemann. Der Grund dafür ist, dass immer nur ganz wenige Räder gebaut wurden und es dann schon wenig später Detailänderungen gab. Dennoch ist der Sammler froh, gleich zwei dieser Räder, eine Straßen- und eine Bahnmaschine für Zeitfahrdisziplinen, in seiner Ausstellung zu haben.

Die wächst etwa seit dem Jahr 2000 ständig. Damals bekam Hagemann von einem ehemaligen Mitarbeiter der benachbarten Firma Kalkoff ein altes, vom Unternehmen gefertigtes Rennrad. Wenige Wochen später sah es aus wie neu – Hagemann hatte alles auseinandergenommen, gereinigt, defekte Teile repariert oder sogar nachgebaut.

Spätestens diese Arbeit löste seine Faszination zu den filigran gefertigten Rädern aus. In alten Katalogen stöberte er besondere Räder und Teile auf, suchte und fand vor allem handgefertigte Stücke von hoher Qualität. Die Sammlung hat für ihn in erster Linie einen ideellen Wert: Einige dieser Zweiräder wurden möglicherweise nur ein einziges Mal gebaut. "Wenn man bis zu 60 Stunden für die Restaurierung eines alten Rades investiert, darf es kein Massenprodukt sein, wie es möglicherweise noch in vielen Kellern steht."

Die Rennradsammlung von Wolfgang Hagemann © Wolfgang Schäffer

Der 54-Jährige vergleicht seine Leidenschaft mit den Liebhabern von Oldtimern, die ihr Augenmerk auch auf seltene, mit großer Ingenieurskunst gebaute Exemplare legen. Während für die Autos aber große Werkstätten benötigt werden, sitzt Hagemann überwiegend in seinem Arbeitszimmer, um die kleinteiligen Schaltwerke, Bremsen und Lager mit größter Geduld auseinander zu bauen, zu reinigen, zu reparieren und wieder zusammenzusetzen. Lediglich wenn es darum geht, dass Rahmen gerissen sind, Gewinde neu- oder nachgeschnitten werden oder er bestimmte Teile nachbauen muss, ist er in seiner Werkstatt zu finden.

Kontakt hat Hagemann inzwischen mit Sammlern auf der ganzen Welt, die Suche nach weiteren Raritäten läuft meist über das Internet. Es sei aber absolute Glückssache, dort auch fündig zu werden. "Bei Bildern von angebotenen Rädern sind es oft winzige Hinweise, an den zu erkennen ist, dass es sich um etwas Besonderes handelt. Etwas, das sich lohnt, gerettet und erhalten zu werden."