Das war noch mal ein Aufreger kurz vor der Amtseinführung: Donald Trump kritisierte den angeblichen Auto-Imperialismus der Deutschen. Wie viele Chevrolets man in Deutschland sehe, hatte der neue US-Präsident in einem Interview mit der Bild rhetorisch gefragt. Um sich umgehend selbst die Antwort zu geben: "Nicht allzu viele, vielleicht gar keine, man sieht dort drüben gar nichts, es ist eine Einbahnstraße." Mercedes dagegen sei in den USA weit verbreitet, in Teilen New Yorks habe sogar fast jeder einen Benz vor seinem Haus stehen.

Dabei hätte Trump nur in die Statistiken der amerikanischen Highway-Administration schauen müssen, um zu sehen, wie wenig das Herstellerlabel über die "Nationalität" eines Autos aussagt.

Zunächst einmal: Der erste Teil seiner Aussage ist in der Tat kaum von der Hand zu weisen. Zwar führt das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in seiner Bestandsstatistik immerhin knapp 245.000 Fahrzeuge mit Chevrolet-Logo – bei einem Großteil handelt es sich aber um in Südkorea gebaute Modelle der Tochter Daewoo. Von amerikanischen Autos im Sinne Trumps kann man da kaum sprechen; die meisten Modelle wurden noch nicht einmal auf dem US-Markt angeboten. Echte Nordamerikaner aus dem Hause Chevrolet gibt es in Deutschland nur wenige. Etwa die knapp 2.200 Exemplare des Muscle-Cars Camaro – das wird mittlerweile allerdings in Kanada gebaut – oder die gut 1.200 Einheiten des Sportwagens Corvette. Dazu kommen noch ein paar hundert SUVs der Typen Tahoe und Trailblazer.

Bei den Wettbewerbern von Ford und General Motors sieht das kaum anders aus; dort dominieren die von Ford of Europe beziehungsweise Opel verantworteten Modelle den Bestand. Als einzige reine US-Marke ist Jeep in Deutschland mit mehr als 100.000 Autos relativ präsent. Allerdings gehört der Geländewagenhersteller genau wie seine Mutter Chrysler mittlerweile zum italienischen Fiat-Konzern.

Doch der zweite Teil von Trumps Aussage erweckt einen falschen Eindruck. Tatsächlich hat Mercedes in den USA einen Marktanteil von rund zwei Prozent. Außerdem könnte man auch in den USA fragen, ob ein Mercedes GLE aus dem Werk Tuscaloosa im Bundesstaat Alabama ein deutsches Auto ist. Oder der in Spartanburg, South Carolina, gebaute BMW X5. Selbst VW unterhält in Chattanooga/Tennessee eine eigene große Fabrik. Teilweise werden die Fahrzeuge auch nach Deutschland importiert. Sind sie dann deutsche oder amerikanische Autos?

Die Amerika-Quote im Internet

Die kaum eindeutig zu beantwortende Frage nach der Herkunft von Autos spielt in den USA nicht erst seit Donald Trump eine große Rolle. Seit Jahrzehnten versuchen Politik und heimische Hersteller, den Absatz der sogenannten Domestic Cars mit wirtschaftspatriotischen Maßnahmen anzukurbeln. Alle Hersteller sind schon seit dem Sommer 1994 verpflichtet, für jeden Neuwagen den Anteil des in den USA geschöpften Wertes zu nennen. Der American Automobile Labeling Act (AALA) verlangt von Pkw-Händlern zudem, auch den Ort der Endmontage sowie die Herkunft von Motor und Getriebe auf einem Aufkleber an jedem Auto zu nennen. Potenzielle Käufer können darüber hinaus auf den Internetseiten der Highway-Sicherheitsbehörde NHTSA die Amerika-Quote jedes aktuellen Modells recherchieren.

Wer das tut, merkt allerdings schnell, dass auch das Labeling-Gesetz keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage liefert, was ein amerikanisches Auto ist: Die Regeln der Berechnung sind kompliziert und für Laien kaum nachvollziehbar. Außerdem werden auch Komponenten aus Kanada als amerikanisch bewertet, die Orte von Forschung und Entwicklung fließen gleich gar nicht in die Bewertung ein.

Ironischerweise ist das Auto mit dem aktuell höchsten US-Anteil keines, an das Trump bei seiner Kritik gedacht haben dürfte. Denn es ist kein uramerikanisches Modell wie die Pick-up-Bestseller Ford F-150 oder Chevrolet Silverado, sondern ausgerechnet ein Japaner: der Toyota Camry. Die Mittelklasselimousine ist zu 75 Prozent amerikanisch, wird in Kentucky montiert und bekommt dort auch Motor und Getriebe aus amerikanischer Produktion eingepflanzt.

Toyota Camry © Hersteller

Wie groß der Einfluss der AALA-Label im Speziellen und des Konsumpatriotismus im Allgemeinen beim Autokauf wirklich ist, ist umstritten. Die NHTSA bewertet zumindest die Rolle der Label als eher gering. Auch die jährliche Pkw-Bestsellerliste zeigt nicht unbedingt ein Übergewicht der US-Marken. Von den zehn bestverkauften Modellen stammten zuletzt nur die drei ersten von Herstellern mit einem Hauptsitz in den USA. Der Rest trägt ein japanisches Logo.