Tief bestürzt sei er darüber, dass Volkswagen unter seiner Führung Millionen von Kunden wegen der Abgasmanipulation enttäuscht habe, sagte Martin Winterkorn. "Auch ich hätte das nicht für möglich gehalten." Dass sich der einstige VW-Chef vor dem Dieselgate-Untersuchungsausschuss des Bundestages nicht selbst belasten würde, war schon klar, ehe er an diesem Donnerstag gegen 10 Uhr den großen Anhörungssaal im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus zusammen mit zwei Anwälten betrat. Es war sein erster öffentlicher Auftritt, seit er am 25. September 2015 von seinem Posten zurückgetreten ist.

Doch das Bild, das Winterkorn in seiner Befragung als Zeuge von sich als VW-Vorstandsvorsitzenden bis zu jenem Zeitpunkt mit teils brüchiger Stimme zeichnete, lässt einen trotzdem überaus verwundert zurück. Es ist das Bild eines Chefs, der selbst darüber schockiert ist, dass die Mitarbeiter ihn so betrogen haben wie die gesamte Öffentlichkeit. Der Boss als Opfer. Dass es so etwas wie Motor-Abschalteinrichtungen – eine Software, die entscheidende Motorparameter, darunter die Emissionen, verändert – überhaupt gibt, will Winterkorn nach eigener Aussage erst im September 2015 erfahren haben. Also zu dem Zeitpunkt, als in den USA der Betrug von VW mit Dieselmotoren aufflog, wenige Tage, bevor er als Vorstandsvorsitzender zurücktrat.

Ausgerechnet Martin Winterkorn, der Diplom-Ingenieur. Der, dem stets der Ruf vorauseilte, jedes Schräubchen in jedem VW-Modell zu kennen. "Ich bin kein Software-Ingenieur", sagt er vor dem Ausschuss. Die Motorsoftware sei "sehr, sehr komplex", das sei ein spezielles Arbeitsgebiet in der Motorenentwicklung, damit habe er sich nie befasst. Gewiss, dafür hat die oberste Managementriege gerade in einem so großen Konzern wie Volkswagen ihre Fachkräfte. Mit denen – so stellte es Winterkorn dar – habe er allerdings über die Schwierigkeit, mit den Dieseln in den USA die strengen Abgasgrenzwerte zu erreichen, nie gesprochen. Und mit dem Problem sei auch nie jemand an ihn herangetreten.

Der Ex-Manager sucht nach Antworten

Winterkorns Taktik ist offenkundig: Er entschuldigt sich als oberster Verantwortlicher zwar öffentlich für den Betrug – doch Schuld daran hatten die anderen. Mehrfach betonte der einstige Topmanager in der Anhörung, dass im Konzern die zuständigen Fachleute verpflichtet seien, sich zu melden, falls sie bei der Umsetzung von Vorgaben von oben auf Problemen stoßen – und das sei in diesem Fall eben nicht geschehen. Er selbst könne sich nicht erklären, "warum ich nicht frühzeitig und eindeutig über die Messprobleme aufgeklärt worden bin". Auch er selbst suche noch nach "befriedigenden Antworten".

Externe Beobachter wie etwa der Automobilprofessor Ferdinand Dudenhöffer hätten dafür eine Erklärung: Laut Dudenhöffer pflegte "Wiko", wie man ihn im Konzern intern nannte, einen sehr autoritären Führungsstil, "Kritiker sprachen deswegen von Nordkorea in Niedersachsen". Dem widersprach der Ex-Chef vor dem Untersuchungsausschuss vehement: "Es gab kein Schreckensregime. Niemals hatte ich den Eindruck, dass man sich scheute, sich an mich zu richten oder mir unangenehme Dinge zu sagen", las Winterkorn zu Beginn ein vorbereitetes Statement vom Zettel ab. Seine Bürotür habe immer offengestanden.

Kurzum: Winterkorn blieb bei seiner Darstellung, er habe erst im September 2015 vom "Einsatz verbotener Software" erfahren. Hätte er frühzeitig davon gewusst, hätte er die Manipulation auch unterbunden, beteuerte der 69-Jährige. "Natürlich frage ich mich, ob ich vielleicht einzelne Signale überhört oder falsch gedeutet habe", räumt er lediglich ein. Welche Signale das hätten sein können, wollte er auf Nachfrage nicht erläutern.

Das war überhaupt das Kernproblem für die Abgeordneten im Ausschuss: Entscheidenden Fragen wich Winterkorn aus und verwies auf sein Zeugnisverweigerungsrecht wegen der laufenden Ermittlungen der Braunschweiger Staatsanwaltschaft. Die prüft allerdings lediglich, ob Winterkorn und ein weiterer Beschuldigter die Öffentlichkeit zu spät über den Dieselskandal informiert haben – das wäre ein Verstoß gegen Aktienrecht und damit eine mögliche Marktmanipulation.