Als das Urteil gesprochen ist und die Verteidiger, die Kläger, der Staatsanwalt und die Zuschauer wieder Platz genommen haben, bleibt Hamdi H. einfach stehen. Mit beiden Armen stemmt er sich auf den Tisch, der vor ihm steht, und starrt auf den Boden. Sein Kiefer mahlt, Tränen steigen in seine Augen, sonst bewegt sich nichts. Es ist Montagmorgen, kurz nach elf Uhr, im Saal 700 des Kriminalgerichts Moabit. Sekunden vorher wurde Hamdi H. wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Sein Mitangeklagter Marvin N. blickt mit offenem Mund in den Saal. Auch er kann es nicht fassen. Er wurde ebenfalls wegen Mordes verurteilt, zu lebenslanger Haft.

Die beiden Männer hatten sich am 1. Februar 2016 ein Autorennen geliefert, mitten in Berlin, auf dem Kurfürstendamm. Am Ende waren sie mit 140 und 160 km/h über eine rote Ampel gefahren, Hamdi H. hatte mit seinem Audi A6 einen Jeep getroffen, der bei Grün in die Kreuzung gefahren war. Der Fahrer starb. Ein halbes Jahr lief der Prozess vor dem Landgericht Berlin. Am heutigen Montag verkündeten die Richter das Urteil: Mord.

Bereits am frühen Morgen fuhren die Übertragungswagen der Fernsehsender vor dem Kriminalgericht in der Turmstraße vor, die Reporter schalteten live in die Sendungen. Schon zu Prozessbeginn war das öffentliche Interesse riesig. Staatsanwälte und Richter, Politiker und Hinterbliebene aus ganz Deutschland schauten auf den Prozess. Denn bislang war den Fahrern eines tödlichen Autorennens vor Gericht meist fahrlässige Tötung vorgeworfen worden. Schon die Anklage wegen Mordes war ein Präzedenzfall. Das Urteil ist eine Sensation.

Der Vorsitzende Richter Ralph Ehestädt hatte den gesamten Prozess ruhig und sachlich geführt. Und ebenso ruhig und sachlich trägt er an diesem Vormittag sein Urteil vor. Mehr als eine Stunde lang begründet er Punkt für Punkt, warum das Gericht die beiden Männer zu lebenslanger Haft verurteilt. Die zentrale Frage, um die es dabei geht, lautet: Kann man den beiden Angeklagten eine vorsätzliche Tötung des Opfers unterstellen, oder handelten sie bei ihrem Rennen nur fahrlässig?

Das Auto zur Waffe gemacht

Natürlich hätten die beiden Männer keine Tötungsabsicht gehabt, sagt selbst der Richter in seiner Begründung. Sie seien nicht mit dem Ziel gefahren, jemanden umzubringen. Aber es sei ihnen gleichgültig gewesen, ob bei ihrem Rennen jemand getötet wird. Deshalb könne man von einem sogenannten bedingten Vorsatz ausgehen.

In juristischen Seminaren wird der Unterschied zwischen Fahrlässigkeit und bedingtem Vorsatz mit einem sprachlichen Kniff erklärt. Hätten die Angeklagten den Gedanken "Es wird schon nichts passieren" gehabt, läge eine Fahrlässigkeit vor. Geht man vom Gedanken "Und wenn schon" aus, handelt es sich um Vorsatz.

Die beiden Angeklagten hätten ihr Rennen ja nicht im Bayerischen Wald oder im Emsland veranstaltet, erläutert Ehestädt. Sondern auf dem Kurfürstendamm, einer der Hauptverkehrsadern der Berliner Innenstadt, einer Flaniermeile. Das Rennen sei über eine Strecke von zweieinhalb Kilometern mit teils extremen Geschwindigkeiten gefahren worden. Auch wenn die beiden nachts fuhren, habe ihnen klar sein müssen, dass es zu einem Unfall kommen könne – und den hätten sie billigend in Kauf genommen, so der Richter. Zum Mord wird die Tat durch das Merkmal "gemeingefährliche Mittel": Demnach haben die Angeklagten ihre Autos zu einer Waffe gemacht. Normalerweise wird dieses Merkmal bei Terroranschlägen unterstellt.

Hamdi H., 28, und Marvin N., 25, sind ein Beispiel für das Problem mit illegalen Autorennen in deutschen Großstädten. Sie fuhren kein geheimes Rennen draußen im Umland, auf der Landstraße oder im Industriegebiet. Auch das gibt es in Deutschland. Heimlich verabredet, organisiert über WhatsApp-Gruppen und Walkie-Talkies. Rennen mit festem Streckenverlauf, bei denen um Geld gefahren wird. Meistens gefährden die Teilnehmer dabei nur sich selbst. Und die Polizei kann darauf reagieren. In Großstädten wie Berlin ist das Problem ein anderes. Hier können die Rennen jederzeit und an jedem Ort losgehen. Jede zweispurige Straße ist ein potenzieller Tatort.

Rasen gilt als Kavaliersdelikt

Das Berliner Landgericht hat nun einen neuen Maßstab für die Bewertung von illegalen Autorennen gesetzt. Damit ist das Problem allerdings noch nicht gelöst. Denn was passiert, wenn niemand zu Schaden kommt?

Schon im vergangenen Sommer hatten die Justizminister der Länder Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bremen einen Gesetzesentwurf in den Bundesrat eingebracht, der illegale Autorennen unter Strafe stellen soll. Bisher werden illegale Autorennen als Ordnungswidrigkeit geahndet, mit 400 Euro Bußgeld und einem Monat Fahrverbot.

Mit dem neuen Gesetz wäre die Teilnahme an einem solchen Rennen keine Ordnungswidrigkeit mehr, sondern eine Straftat. Sie könnte mit bis zu zwei Jahren Gefängnis geahndet werden, auch dann, wenn niemand zu Schaden kommt. Bei Unfällen mit Toten oder Schwerverletzten soll das Strafmaß bis zu zehn Jahre betragen. Im September verabschiedete der Bundesrat den Gesetzesentwurf. Auch die Bundesregierung unterstützt das Vorhaben. Nach dem jetzigen Urteil kündigte das Justizministerium an, die Bundesratsinitiative voranzubringen.

Ein politisch aufgeladener Prozess

Doch auch dieses Gesetz löst nicht das grundsätzliche Problem: die schwierige Haltung zur Geschwindigkeit in der gesamten Gesellschaft, worauf Verkehrspsychologen immer wieder hinweisen. Deutschland ist das einzige Land in der Europäischen Union, in dem es keine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen gibt. Rasen ist hierzulande noch immer ein Kavaliersdelikt. In anderen Ländern werden Tempoüberschreitungen von mehr als 20 km/h in der Stadt mit Bußgeldern von mehreren Hundert Euro und zeitweiligem Führerscheinentzug geahndet, in der Schweiz wird der Tatbestand des Rasens mit einjähriger Haft bestraft – in Deutschland kommt man nicht selten mit 80 Euro und einem Punkt in der Verkehrssünderdatei in Flensburg davon.

Junge Männer wie Marvin N. und Hamdi H., die spontane Stechen fahren, müssen bestraft werden. So viel scheint klar. Aber was ist mit den anderen? Hört man den Verkehrspsychologen zu, dann wirkt es, als seien die beiden Männer nur die Spitze eines Eisberges. Der Exzess in einer Gesellschaft mit einem gefährlichen Verhältnis zur Geschwindigkeit.

Der Prozess in Moabit war ein politisch aufgeladener: Es gehe darum, ein Zeichen zu setzen, sagten einige. Es gehe darum, zu zeigen, dass man solche Rennen nicht akzeptiere, sagten andere. Es gehe nicht um die Demonstration von Härte, sagte der Richter bei der Urteilsverkündung, es gehe um die Anwendung des geltenden Rechts.

Die Frage, die über diesem Prozess hing, lautete: Ist das Mord? Die Richter gaben heute die Antwort: Ja. Es wird wohl nicht die letzte Antwort in diesem Fall bleiben. Die Verteidiger der Angeklagten äußerten sich bereits: Sie wollen in Revision gehen.