Darf ich mich als Radfahrer an Autos vorbeischlängeln und rechts überholen oder ist das verboten? Hier in München mögen das die BMW- und Geländewagenfahrer aus Bogenhausen und Starnberg überhaupt nicht, sie beginnen sofort zu hupen und wild zu gestikulieren. Bin ich als Radfahrer im Recht?, will ZEIT-ONLINE-Leser Jonas Scheuer wissen.

Auch wenn es verlockend klingt: Die Straßenverkehrsordnung (StVO) sieht in Paragraf 5 auch für Radfahrer vor, dass sie links überholen müssen. Im selben Paragraf heißt es weiter, dass nur überholen darf, wer mit wesentlich höherer Geschwindigkeit als der zu Überholende fährt. Radfahrer haben deshalb kaum Chancen, ein Auto zu überholen. Es gibt aber eine Ausnahme von dem Gebot: Radfahrer dürfen bei ausreichend Platz "die Fahrzeuge, die auf dem rechten Fahrstreifen warten, mit mäßiger Geschwindigkeit und besonderer Vorsicht rechts überholen" (Paragraf 5, Absatz 8).

"Experten raten, einen Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter einzuhalten, und von einer mäßigen Geschwindigkeit wird ausgegangen bei 10 km/h und weniger", sagt der Rechtsanwalt Falk Schulz und fügt hinzu: "Ob dies in der Praxis beherzigt wird, bezweifele ich aber sehr."

Vom "Vorbeischlängeln", wie unser Leser andeutet, rät der Experte allerdings grundsätzlich ab. Denn Radfahrer sollten stets aufmerksam und äußerst vorsichtig agieren, wenn sie zwischen wartenden Fahrzeugen und der Bordsteinkante hindurchfahren. "Wenn nicht ausreichend Platz vorhanden ist, muss sich der Radfahrer bei den wartenden Kraftfahrzeugen einreihen und im Zweifel sogar absteigen und sein Rad auf dem Gehsteig schieben", erläutert Schulz. "Wartende Fahrzeuge müssen rechts keinen Platz für Radfahrer lassen."

Zudem droht Radfahrern eine Unfallgefahr – wenn sich nämlich die Beifahrertüren von wartenden Fahrzeugen plötzlich öffnen. Vor Ampeln und öffentlichen Gebäuden wie Bahnhöfen oder Schulen komme das häufig vor, warnt der radfahrende Rechtsanwalt. "Wenn es durch eine sich plötzlich öffnende Beifahrertür zu einem Unfall kommt, trifft in der Regel Radfahrer sogar ein Mitverschulden", warnt Schulz und verweist auf einen Beschluss des Kammergerichts (KG) Berlin aus dem Jahr 2010 (Az.: 12 U 216/09). "Dort wurde dem Radfahrer eine Haftungsquote von 25 Prozent auferlegt."

Der Anwalt sieht die Ausnahmeregelung für Radfahrer kritisch. Sie sei aus Gründen der Verkehrssicherheit nicht sinnvoll, findet er. "Das Rechtsüberholprivileg wird von Radfahrern gerne in Anspruch genommen. Doch die Anzahl der tödlichen Unfälle bei Rechtsabbiegevorgängen, insbesondere unter Beteiligung von Lkw, ist bedrückend", sagt Schulz. Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Straßenwesen gab es 2012 in Deutschland 650 Abbiegeunfälle mit Personenschaden zwischen Lkw und Radfahrern, 30 sogar mit tödlichem Ausgang.