Radfahrer, die im mecklenburgischen Landkreis Ludwigslust-Parchim auf den Kreisstraßen 41 oder 42 unterwegs sind, können dort in einem eigenen Schutzstreifen auf der Fahrbahn radeln. Jeweils ein Meter breite Bereiche sind durch gestrichelte Linien markiert. So dürfen auch Autofahrer sie befahren, allerdings nur "im Bedarfsfall" und wenn dort gerade kein Radler unterwegs ist. Seit Mitte 2013 existieren die Schutzstreifen. Noch. Denn sie sollen wieder entfernt werden – obwohl der Versuch von Auto- wie Radfahrern grundsätzlich positiv beurteilt wird.

Der Grund ist simpel: Die Straßenverkehrsordnung (StVO) erlaubt außerorts solche Fahrradschutzstreifen bisher nicht. Aus den Städten kennt man die Streifen schon lange, dort sind sie seit 1997 zugelassen. Um eventuelle positive Effekte solcher Streifen außerhalb von Ortschaften in ländlichen Regionen zu untersuchen, startete das Bundesverkehrsministerium 2013 den großen Modellversuch mit insgesamt 18 Teststrecken, nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Es wurden Auto- und Radfahrer befragt, die dort unterwegs waren und gemessen, wie viele Fahrzeuge die Straßen nutzten und wie schnell sie fuhren. Die Ergebnisse sollten zeigen, ob die Linien auf der Fahrbahn, kombiniert mit einem reduzierten Kfz-Tempolimit von 70 km/h, den Verkehr für Radfahrer sicherer machen. In den Niederlanden macht man damit seit Jahren gute Erfahrungen.

Ende 2014 lief der fast 500.000 Euro teure Modellversuch offiziell aus. In Mecklenburg wurde er verlängert, aber auch dort ist die Sondergenehmigung für die Teststrecken inzwischen weggefallen, die Streifen müssen wieder entfernt werden. "Die Straße ist der gültigen StVO entsprechend herzustellen", erklärt Renate Gundlach vom zuständigen Ministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung von Mecklenburg-Vorpommern ZEIT ONLINE. Derzeit prüfe das Ministerium die Finanzierung für die Demarkierung.

Gestrichelte Linien sind besser als gar nichts

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Mecklenburg-Vorpommern ist allerdings enttäuscht über die Rückkehr zur alten Form der Straßen – zumal der offizielle Abschlussbericht zu dem Modellversuch selbst fast anderthalb Jahre später immer noch nicht veröffentlicht ist. Volker Schulz vom ADFC Mecklenburg-Vorpommern hält das Entfernen der Schutzstreifen für falsch. Damit werde das Signal gegeben, "dass dieses Projekt gescheitert ist, was aber nicht so ist", sagte Schulz kürzlich im NDR

Grundsätzlich hält der ADFC bei Kfz-Geschwindigkeiten von 50 km/h und mehr das Radfahren auf eigenen, physisch getrennten Radwegen für sicherer und komfortabler. Aber nicht überall sind solche Wege wirklich machbar – dann wären die gestrichelten Linien auf der Fahrbahn zumindest besser als gar nichts. Auch Hans Duschl vom ADAC Hansa, dem Regionalclub des ADAC für Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern, sieht den Test als gelungen an: "Deshalb sehen wir es auch positiv, wenn das Ganze erhalten bleiben würde."

Doch auch jenseits dieser Debatte wäre es wünschenswert, dass der offizielle Abschlussbericht mit den Ergebnissen des Projekts überhaupt mal bekannt würde. Auch einige Landkreisverwaltungen, die sich am Modellversuch beteiligt haben, zeigen sich enttäuscht, dass nach so langer Zeit der Bericht noch immer nicht vorliegt. Fachleute fürchten, dass das zuständige Bundesverkehrsministerium (BMVI) den Feldversuch im Sande verlaufen lassen könnte.

In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion verteidigt das Ministerium lediglich die Demarkierungen: Deren Kosten habe der zuständige Baulastträger in den Landkreisen zu tragen – doch das BMVI könne die Entfernung der Schutzstreifen finanziell fördern. "Zuerst einen Modellversuch mit Bundesmitteln zu fördern, um diesen dann vor Abschluss des Versuchs auf Kosten des Bundes wieder abzuwickeln, ist absurd", kritisiert der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel.

Er wirft Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) vor, das Projekt bewusst auszubremsen: "Um den Modellversuch zu verschleppen, nimmt Dobrindt sogar Geldverschwendung in Kauf." Der Vorwurf: Das Ministerium wolle solche markierten Schutzräume für Radler gar nicht und halte darum den Bericht zurück. Denn der dürfte insgesamt positiv ausfallen.