Unter dem Druck der Diskussion über Fahrverbote für Dieselautos und Abgas-Betrugsermittlungen hat der Autokonzern Daimler eine große Rückrufaktion angekündigt. Europaweit sollen insgesamt über drei Millionen Mercedes-Benz-Pkw mit Dieselmotoren durch eine Nachrüstung weniger schädliches Stickoxid ausstoßen.

Die "freiwillige Servicemaßnahme", wie Daimler den Rückruf nennt, werde rund 220 Millionen Euro kosten. Die Kunden sollen dafür nichts bezahlen müssen. Daimler will damit nach eigenen Angaben das Vertrauen der Käufer in Dieselautos stärken. "Die öffentliche Debatte um den Diesel sorgt für Verunsicherung", sagte Vorstandschef Dieter Zetsche. "Wir haben uns deshalb für weitere Maßnahmen entschieden, um den Dieselfahrern wieder Sicherheit zu geben und um das Vertrauen in die Antriebstechnologie zu stärken."

Daimler hat bereits mit der im vergangenen Jahr von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt verlangten Nachrüstung von knapp 250.000 Kompaktwagen und Vans begonnen. Das Kraftfahrt-Bundesamt war bei Messungen auf Stickoxidwerte gestoßen, die nach seiner Ansicht mit technischen Gründen des Motorschutzes nicht zu erklären waren. Eine Manipulation, wie sie Volkswagen nach Ermittlungen der US-Umweltbehörde zugab, hatte die deutsche Aufsicht Daimler allerdings nicht vorgeworfen.

Diesem Vorwurf geht mittlerweile aber die Staatsanwaltschaft Stuttgart nach. Sie sicherte bei einer Großrazzia Beweise. In dem dafür ausgestellten Durchsuchungsbeschluss wird laut Medienberichten der Verdacht geäußert, dass bei mehr als einer Million Diesel-Pkw von Mercedes-Benz eine illegale Abschalteinrichtung verbaut wurde. Diese soll die Abgasreinigung im Prüfstand an- und auf der Straße teilweise wieder ausschalten. Dobrindt hatte Daimler-Manager unmittelbar nach dem Bericht einbestellt. Dabei hatte der Autohersteller die Betrugsvorwürfe zurückgewiesen.

Mit dem freiwilligen Rückruf reagiert Daimler auch auf mögliche Fahrverbote, die sein Hauptsitz Stuttgart und auch München angedroht haben, um jahrelange Verstöße gegen EU-Luftreinhaltevorschriften zu stoppen. Daimler geht jetzt noch einen Schritt weiter als die Konkurrenten BMW und Audi, die sich gegenüber der bayerischen Landesregierung zur Nachrüstung etwa der Hälfte ihrer Dieselautos mit der älteren Norm Euro 5 bereit erklärt haben. Mercedes werde nahezu alle Fahrzeuge mit Euro 5 und der neuesten Norm Euro 6 per Softwareupdate sauberer machen, kündigte das Unternehmen an.

Diesel bleibt fester Bestandteil

Nach Unternehmensangaben soll auch die neueste Motorenfamilie, für die der Konzern drei Milliarden Euro investiert hat, schneller an den Markt gebracht werden. Der Diesel bleibe wegen seiner niedrigen Kohlendioxid-Werte fester Bestandteil bei Daimler, hieß es. Der Sportwagenhersteller Porsche denkt dagegen darüber nach, etwa ab Mitte des kommenden Jahrzehnts keine Dieselmotoren mehr in seinen SUVs und Limousinen einzusetzen.

Die Branche will auf Initiative der Bundesregierung am 2. August beraten, wie Fahrverbote mit einer Nachrüstaktion vermieden werden können. Diese müsste aber den gleichen dämpfenden Effekt auf den Schadstoffausstoß haben wie die zeitweilige Verbannung von Dieselautos aus Innenstädten. Auch ist noch offen, ob es mit einer Softwarelösung getan ist oder auch Motoren umgebaut werden müssen. Das wäre für die Autoindustrie teurer. Die Kosten auf die Kunden abzuwälzen, lehnten die Politiker bereits ab.

In Stuttgart wird am Mittwoch das Verwaltungsgericht über eine Klage der Deutschen Umwelthilfe gegen den Luftreinhalteplan für die baden-württembergische Landeshauptstadt verhandeln. Die Landesregierung hatte im Februar ein Fahrverbot wegen der Klage angekündigt. Nun beschloss sie laut Medienberichten, dass darauf verzichtet werden könnte, wenn die geplante Diesel-Nachrüstung klappt.