Schon beim Einbiegen in die Daimlerstraße im Industriegebiet von Affalterbach hört man, dass in der kleinen Gemeinde 20 Kilometer nördlich von Stuttgart keine gewöhnlichen Motoren gefertigt werden. Auf der Straße ist die Dichte sportlicher Autos mit am höchsten in Deutschland. Hier, am Standort von Mercedes-AMG, kommen Mitarbeiter mit AMGs zur Arbeit, Testfahrer machen sich auf ihren Weg, und Kunden sitzen strahlend in ihren neuen Autos.

Die Mercedesstraße ist die Hauptstraße durch das AMG-Werk, von der aus es auch in die Motorenmanufaktur geht. Während der große Rest der Automobilbranche auf automatisierte Massenproduktion am Band setzt, werden auf dem schwäbischen Land Motoren in Handarbeit hergestellt. 250 Mitarbeiter schrauben in der Manufaktur, dreieinhalb Stunden dauert beispielsweise die Montage eines V8-Triebwerks.

Eine Schicht reicht nicht, um zwei Motoren zu fertigen. Darum wird der halbfertige abgedeckt und an die Seite gefahren, bis am nächsten Tag derselbe Monteur weitermacht – die Triebwerke werden nach dem Prinzip "Ein Mann, eine Maschine" oder "Eine Frau, eine Maschine" gebaut. Die meisten Monteure sind jung, manche weiblich, fast alle ausgebildete Mechatroniker.

Aufrecht, Melcher, Großaspach

An zehn Stationen entsteht der Motor. Der rohe Block wird mit einer Führung auf einem Montagewagen zentriert, dann geht es reihum von Station zu Station. An jeder Station liegen die Teile bereit, produziert bei Zulieferern. Die Montage ist überraschend leise, lediglich das Surren von Schraubern ist zu hören. Auf dem sauberen Boden ist kaum ein Staubkorn zu entdecken, die Monteure arbeiten konzentriert und mit Handschuhen. Auf den passgenauen Sitz von Kurbelwelle, Pleuel und Kolben wird größten Wert gelegt.

An der letzten Station wird das Öl eingefüllt, dann eine Plakette auf der Mitte des Luftfilters aufgeklebt. Darauf unterschreibt der Monteur von Hand mit Vor- und Zunamen und garantiert damit für die Qualität seiner Arbeit. Dann wird der Motor am Prüfstand kalt getestet. Er läuft nicht von selbst, sondern wird von einem Elektromotor angetrieben. Wieder ist es überraschend leise. Die Maschine surrt bescheiden vor sich hin, als wäre sie nichts besonders.

Das ist ein Motor von AMG aber sehr wohl. Schon das Anlassen eines kalten V8-Triebwerks ist ein Erlebnis für alle Sinne. Nachdem der Startknopf gedrückt ist, springt die Maschine sofort an, um gleich darauf in eine Art Sekundenschlaf zu fallen. Als müsse der Motor sich erst noch überlegen, ob er wirklich laufen will. Oder er braucht einfach kurze Zeit, um seine brachialen Kräfte zu sammeln. Nach dem kurzen Durchhänger läuft der Motor stabil. Als würde ein Pfahl mit einem Schlag in den Boden gerammt – ein sensationeller Klang.

Der Motor zeigt eindrucksvoll, wie sein Hersteller tickt. Wer und was AMG ist. Die Startprozedur des Triebwerks ist vergleichbar mit der Unternehmensgeschichte im Zeitraffer: hoffnungsvolles Anspringen, Verschnaufpause, um die Kräfte zu sammeln, stabiler und kräftiger Rundlauf. AMG wird in diesem Jahr 50.

Die drei Buchstaben stehen für zwei Namen und einen Ort. Hans-Werner Aufrecht und Erhard Melcher, beide Ingenieure, arbeiteten in den 1960er Jahren bei Daimler in der Entwicklung von Rennsportmotoren, dann stellt der Autobauer sein Rennsportengagement ein. Die beiden knapp 30-Jährigen sind konsequent: Sie kündigen. Und gründen 1967 ihre eigene Firma, das Ingenieurbüro Aufrecht Melcher in Großaspach nordöstlich von Stuttgart. Kurz: AMG. Das Start-up dient allein dem Rennsport, denn damit kennt sich das Duo aus. Beim 24-Stunden-Rennen in Spa fährt eine von AMG umgebaute 300-SEL-Limousine den leichten Rennwagen davon zum Klassensieg. Diese Sensation machte die Firma über Nacht bekannt.