London, Stockholm, Nizza, Berlin und nun Barcelona – die islamistischen Anschläge in diesen Städten schockierten Bürger, Politiker und Sicherheitskräfte. Die Gemeinsamkeit: Autos wurden als Mordwaffe missbraucht, mit Lastwagen und Kleintransportern rasten die Täter minutenlang durch die Innenstädte und überfahren wahllos Passanten. In Barcelona hinterließ der Täter auf der Flaniermeile La Rambla eine rund 700 Meter lange Spur des Todes, in Nizza raste der Attentäter zwei Kilometer lang über die Promenade des Anglais und tötete dabei 86 Menschen. In London steuerten die Mörder den Lkw über den Gehweg der London Bridge.

Das Problem der Sicherheitskräfte: Die Möglichkeiten, Terroristen auf ihren todbringenden Fahrten zu stoppen, sind begrenzt. Auf fahrende Autos zu schießen und den Fahrer auszuschalten, erfordert viel Geschick und birgt außerdem das Risiko von gefährlichen Querschlägern. Poller können zwar den Zugang von Autos zu belebten Plätzen und Einkaufsstraßen verhindern – sämtliche Anschlagsziele lassen sich auf diese Weise aber kaum abriegeln.

Polizei, Forschungsinstitute und Rüstungskonzerne arbeiten zusammen

Aufgrund der jüngsten Attacken in Barcelona und Cambrils rückt daher eine neue Technik in den Fokus der Sicherheitskräfte: eine Strahlenpistole, mit der elektromagnetische Impulse und Hochleistungs-Mikrowellen abgefeuert werden können. Trifft die Strahlung ein Auto, versagt dessen Elektronik – der Motor bleibt abrupt stehen und lässt sich auch nicht wieder starten, solange der Strahlenbeschuss andauert.

Was nach einer futuristischen Waffe klingt, hat die EU-Kommission in den vergangenen Jahren mit zwei Forschungsprojekten vorangetrieben. Federführend war das Programm Savelec, der Name stammt von der englischen Abkürzung für den Zweck des Projekts: Sicherung von unkontrollierbaren Fahrzeugen durch elektromagnetische Hilfsmittel. Polizeibehörden arbeiten in dem Savelec-Programm mit Forschungsinstituten, Elektronikspezialisten und Rüstungskonzernen zusammen. Bei dem zweiten EU-Projekt, Titel: Aeroceptor, geht es um den Einsatz ferngelenkter Drohnen, um die neuartigen Strahlenwaffen auch aus der Luft abfeuern zu können.

"Die Leistungsfähigkeit hat alle Erwartungen übertroffen"

In Deutschland waren Fachleute des Landeskriminalamts Sachsen-Anhalt, der Universität Magdeburg, des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt und der Firma IMST GmbH an dem Savelec-Projekt beteiligt. "Es ist uns gelungen, einen Prototypen herzustellen, der in der Lage ist, Autos aus der Ferne zu stoppen", berichtet Projektleiterin Martinez Vázquez nach der mehrjährigen Forschungsarbeit. Die Wissenschaftler prüften im Labor die am besten geeigneten Signalfrequenzen und Schwingungsdauern, die Ergebnisse wurden anschließend im abgesperrten Gelände getestet. Dabei habe die Leistungsfähigkeit des Prototyen alle Erwartungen übertroffen, sagt Vázquez.

Neben den technischen Aspekten untersuchten die Savelec-Forscher auch die möglichen Nebenwirkungen der elektromagnetischen Strahlen – beispielsweise, ob dadurch Benzintanks explodieren, Airbags gezündet werden oder die Batterien von Elektroautos in Brand geraten können. "Die Ergebnisse zeigen, dass von der Strahlung wahrscheinlich keine Gefahr ausgeht", heißt es dazu in dem 17-seitigen Abschlussbericht. Es sei nicht damit zu rechnen, dass sich Materialien an Bord der Autos entzündeten oder explodierten.

Ursprünglich sollte die Technik Bankräuber und Drogendealer aufhalten

Als die Forschungsarbeiten vor fünf Jahren begannen, sprach man noch von "nicht kooperativen Autos", die mithilfe der neuen Technik gestoppt werden sollen. Dabei dachte man vor allem daran, Bankräuber oder andere Kriminelle auf ihrer Flucht zu stoppen oder die Konvois von Staatsoberhäuptern gegen Angriffe abzusichern. Von Terroristen, die Fahrzeuge als tödliche Waffen missbrauchen, war damals noch nicht die Rede.

Doch die sich häufenden Anschläge in den europäischen Großstädten machen die Savelec-Forschung aktueller und wichtiger denn je. Deshalb fordern Sicherheitsexperten, die Entwicklungsarbeiten fortzusetzen und die Technik baldmöglichst einsatzbereit zu machen. Eine der Hauptaufgaben der nächsten Zeit ist es laut Projektkoordinatorin Vázquez, den Prototypen zu verkleinern und damit praxistauglicher zu machen. Auch müsse man die Wirkung des Geräts noch an verschiedenen Automodellen testen – vor allem alte Wagen können noch nicht per Strahlenschuss untauglich gemacht werden: Damit die Technik wirken kann, muss das Fahrzeug mit einem elektronischen Motormanagement oder einer elektronischen Zündung ausgestattet sein, wie sie seit Mitte der 1980er Jahre in die meisten Autos eingebaut wird.