Zum Frust der Kunden, der vor allem die Verkäufer trifft, kommt laut dem Verbandspräsidenten für die Händler ein finanzielles Problem hinzu. Denn Autos, die erst mit monatelanger Verzögerung ausgeliefert werden können, bringen den Betrieben auch verspätete Einkünfte. Die Wartezeiten müssen überbrückt werden, was aber angesichts fehlender Produkte schwer fällt. Überdies sorgen die langen Lieferzeiten dafür, dass Autohändler ihre Absatzziele nicht erreichen und deshalb auch bei den vierteljährlichen Prämienzahlungen der Hersteller leer ausgehen.

Wer nach den Gründen für die aktuelle Lieferkrise fragt, wird immer wieder auf die großen Erfolge der deutschen Autohersteller hingewiesen. Vor allem auf die in China und in Amerika. Deshalb wären die Werke ausgelastet, die Fertigungskapazitäten erschöpft. Doch wie kann das sein, haben die Unternehmen in Wachstumsmärkten doch längst neue Fabriken gebaut, wo sie viele Modelle direkt vor Ort produzieren?

In Wahrheit gibt es für die Lieferprobleme ganz andere Gründe und darüber spricht man bei Audi, BMW, Daimler & Co. nicht gerne: Es ist der seit Jahren übliche, schonungslose Umgang der Autokonzerne mit ihren Lieferanten, der sich immer öfter im Produktionsalltag bemerkbar macht und für Probleme sorgt. Große Zulieferunternehmen wie Bosch, Continental oder Schaeffler konnten den hohen Termin- und Kostendruck ihrer Auftraggeber bisher noch verkraften, doch viele mittelständische Betriebe arbeiten bereits am Rande des Ruins.

Schlanker, wirtschaftlicher – und instabiler

Es ist eine paradoxe Entwicklung: Einerseits verringern die Autohersteller ihre Fertigungstiefe immer mehr und machen sich damit inzwischen zu gut 70 bis 75 Prozent von ihren Lieferanten abhängig, doch andererseits üben sie bei den Verhandlungen über Einkaufspreise und Lieferbedingungen immer größeren Druck aus. So geraten viele kleinere Unternehmen in wirtschaftliche Schieflage und haben Mühe, ihren Lieferverpflichtungen nachzukommen.

Nur selten machen diese Probleme in der Öffentlichkeit aber so viel Wirbel wie der Streit zwischen Volkswagen und dem Zulieferer Prevent, der im letzten Jahr die Produktion in fünf VW-Werken ins Stocken gebracht hatte, oder der plötzliche Ausfall eines italienischen BMW-Lieferanten, der im Mai dieses Jahres die Montage Tausender Autos blockierte. Die Mehrzahl der Nachschubprobleme, mit denen die Autohersteller fast täglich zu kämpfen haben, bleiben für Kunden und Öffentlichkeit im Verborgenen; sie sind aber oft der eigentliche Grund, weshalb Neuwagenkäufer monatelang auf ihr Auto warten müssen.

Dabei haben kleine Dinge oft große Auswirkungen: Mal mangelt es nur an Sitzbezügen wie seinerzeit bei VW, mal ist es ein spezielles Lenkrad wie derzeit bei einigen BMW-Modellen oder ein bestimmter Felgentyp wie bei Audi, und Tausende Neuwagenbestellungen bleiben auf der Strecke. Immer häufiger kommt es auch zu "Coderestriktionen", wie es beispielsweise im Daimler-Jargon heißt: Bestimmte Ausstattungsdetails, die in der Produktion mit Codes gekennzeichnet werden, sind wegen der Probleme mit Lieferanten knapp oder müssen sogar völlig "gesperrt" werden. Somit können Autobestellungen mit solchen Codes nicht mehr ausgeführt werden; die Kunden müssen warten.

Und weil die Autowerke in puncto Nachschublieferungen quasi von der Hand in den Mund arbeiten – in der Fachsprache: "just in time" –, gibt es auch keine Lagerbestände mehr, mit denen man Lieferprobleme kurzfristig überbrücken könnte. Das macht die Produktionsprozesse zwar schlanker und wirtschaftlicher, aber zugleich auch instabiler. Gerät ein wichtiger Zulieferer plötzlich in Verzug, steht schnell das ganze Montagewerk still. So passierte es zum Beispiel im Frühjahr, als beim Audi-Zulieferer HP Pelzer die Produktionshalle abbrannte und er deshalb keine Stirnwanddämmungen nach Ingolstadt liefern konnte. Die Folge: Weil man sich nur auf diesen einen Zulieferer verlassen hatte und es keine Lagerbestände gab, musste Audi die komplette A4- und A5-Produktion für vier Tage stoppen.