Autos sind dazu gemacht, sich zu bewegen, lange Standzeiten vertragen die wenigsten von ihnen. Und nicht nur sie. Auch ihre Verkäufer haben ein größeres Problem, wenn sich nichts bewegt. So wie jetzt. Auf dem Hof des Münchener Gebrauchtwagenhauses Auto Eder stehen Pkw für rund eine Million Euro. Das ist zumindest die Summe, die das Autohaus beim Ankauf dafür bezahlt hat. Nur sind sie inzwischen weit weniger wert als das. 

Etwa 70 Prozent der Gebrauchten sind Dieselfahrzeuge. Und die verkaufen sich zurzeit, nach dem Dieselskandal, monatelangen Abgasdiskussionen und den ersten Drohungen mit Fahrverboten entweder nur noch mit ganz großen Abschlägen – oder gar nicht. "Die stehen jetzt hier rum. Die Vermarktung ist bei uns gerade gleich null", so sagt es Verkaufsleiter Josef Staubmann. Und das regt den Autohändler mächtig auf.

Wenn viele Wagen monatelang auf den Firmengeländen vor sich hin oxidieren, heißt das nicht nur, dass das Autohaus keinen Umsatz damit macht. Sondern zeitgleich laufen ihm auch die Kosten davon. Jeder Standtag kostet nämlich bares Geld: "Standschäden, weil die Bremsen zum Beispiel rosten. Standkosten, weil wir ja den Platz bezahlen müssen, auf dem sie stehen. Und Zinskosten", zählt Staubmann auf. Letztere fallen auch nicht zu knapp aus, wenn ein Autohaus den Ankauf von Gebrauchtwagen über Banken zwischenfinanzieren muss. Und bei siebenstelligen Beträgen geht es kaum anders als mit kurzfristigen Krediten. All diese Kosten laufen weiter, deswegen trifft es die Gebrauchtwagenhändler doppelt, dass sie viele ihrer Karossen wegen der Dieselkrise jetzt kaum noch vom Hof bekommen.

"Pro Tag kostet ein Diesel-Pkw den Handel im Schnitt 26 Euro", errechnete die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) aus umfangreichen Datensammlungen. Und inzwischen steht jeder Diesel im Durchschnitt über 100 Tage bei einem Händler herum, hat der Marktforscher DAT ebenfalls ermittelt, dessen Gesellschafter der Verband der Automobilindustrie, der Verband der Kraftfahrzeughersteller und der Zentralverband des deutschen Kraftfahrgewerbes sind. Damit ist die Standzeit deutlich länger als noch vor einem Jahr und sie ist 21 Tage länger als bei einem durchschnittlichen Benziner. Ein Diesel-Pkw kostet den Verkäufer also allein dadurch schon 2.600 Euro, die das Autohaus beim Verkauf wieder herausholen müsste. "Diese Situation belastet den Handel", sagen die Experten des DAT.

"Verkaufszahlen sind komplett weggebrochen"

Momentan gelingt es nur den wenigsten Händlern, mit dem Verkauf der Abgasstinker noch Geld zu machen. Offen zugeben wollen das nur die wenigsten, weil sie um das Image ihrer Autohäuser fürchten. Die meisten äußern sich lieber gar nicht. "Sehr überschaubar" seien die Verkaufszahlen, sagt immerhin einer von ihnen, der seinen Namen aber nicht online lesen will. "Die Verkaufszahlen sind komplett weggebrochen", gibt ein anderer anonym zu: "Wenn überhaupt, dann verkaufen wir Diesel-Pkw nur noch mit hohen Abschlägen und machen rund zehn Prozent Miese mit jedem Dieselverkauf." Ein Kollege beziffert seinen derzeitigen Schaden pro verkauftem Wagen auf etwa 1.000 Euro, "selbst bei guten Autos, die noch einen verhältnismäßig hohen Preis erzielen". Josef Staubmann bringt es so auf den Punkt: "Es ist eine Katastrophe."

Im September ging die Zahl der Gebrauchtwagenverkäufe bundesweit noch einmal stark zurück nach den bereits schwachen Vormonaten. Um 7,5 Prozent sackte der Verkauf ab im Vergleich zum August, das waren fast 8 Prozent weniger als im Vorjahr. Vor allem beim Kauf von Diesel-Pkw ist die Kundschaft sehr zurückhaltend: Selbst von dem knappen Drittel derjenigen Besitzer, die derzeit einen Diesel fahren – und über den Kauf eines neueren Fahrzeugs nachdenken – würden sich nur 38 Prozent wieder einen Selbstzünder kaufen, sagen Umfragen der Verkaufsplattform Autoscout. Also längst nicht einmal jeder zweite der jetzigen Besitzer bliebe dem Diesel treu, das sind nur 15 Prozent aller Autobesitzer. Bei den Diesel-Neuzulassungen ging die Quote sogar um 21 Prozent zurück. Das ist schon fast eine Vollbremsung im Markt.

Dabei tun die Autoverkäufer alles, um die Kunden dennoch zu überzeugen, vor allem locken sie zurzeit mit so hohen Rabatten wie nie: Insgesamt 657 Herstelleraktionen zählte das CAR Research Institut zuletzt. Es gebe fast keinen Hersteller oder Händler, der noch nicht bei der Umweltprämien- und Umrüst-Rallye mitmache. Bei Neuwagen seien im Schnitt Nachlässe von 16 Prozent drin, wenn der Altdiesel in Zahlung genommen wird, sogar 25 bis 30 Prozent.

"Diesel hinterlässt Dauerschäden am Markt"

Bei den Gebrauchtdieseln haben sich die Preise laut Vergleichsplattformen ebenfalls um 10 bis 20 Prozent nach unten geruckelt. Die großen Profiteure solcher Aktionen sind gerade jene Hersteller, die durch Abgasmanipulationen auffielen, bisher keine Strafen dafür zahlten und nun auch noch ihre Neuwagenverkäufe ankurbeln, indem sie die alten Stinker für generöse Restwerte zurücknehmen. Gerade den Handel mit jüngeren Gebrauchtwagen aber lähmen solche Rabattaktionen zusätzlich.

Deswegen warnen Autoexperten wie Ferdinand Dudenhöffer schon: "Der Diesel hinterlässt Dauerschäden am Markt." Die riesigen Rabatte und der große Wertverlust verdürben auf Dauer die Preise. Zurzeit merken das schon die wenigen Hersteller, die da nicht mitziehen. Stellvertretend für sie regt sich Staubmann auf, er arbeitet nämlich für ein Mazda-Autohaus: "Unser Hersteller sagt: Wir bauen seit drei Jahren saubere Euro-6-Diesel. Warum sollen wir eine Prämie beim Ankauf eines VW ausloben oder unsere eigenen Fahrzeuge billiger verscherbeln? Wir haben diesen Skandal schließlich nicht verursacht." Er selbst würde sich wünschen, dass Kunden und Medien nicht alle Diesel gewissermaßen in Sippenhaft nehmen, sondern unterscheiden.

"Aber die Leute sind zutiefst verunsichert durch die Diskussionen über Fahrverbote", das bekommt er als Händler jeden Tag zu hören. Vor allem in jenen Großstädten, in denen Fahrverbote bereits diskutiert oder vor Gericht verhandelt werden wie in Stuttgart und München, könne man es deswegen keinem verübeln, wenn er sich vom Diesel abwende. Eine ähnliche Zurückhaltung erlebte die Dieselindustrie nur bei der Einführung der Feinstaubplakette, sagt das DAT.

Ein zweiter Faktor, der die Kauflust zügelt, so sagt das CAR-Research Institut der Universität Duisburg-Essen, seien die geplanten Softwareupdates von Herstellern wie VW, die mit ihrer Abgasmanipulation aufgeflogen sind. Die meisten Nutzer können nämlich nicht abschätzen, wie sich die Updates auf den Verschleiß und den Verbrauch eines Fahrzeugs auswirken, also lassen sie lieber erst einmal die Finger von den betroffenen Autos.

Viele, die bereits einen älteren Diesel in der Garage haben, wollen ihn außerdem so schnell es geht loswerden. Deshalb steigt außer den Standzeiten zurzeit nur eines: die Zahl der angebotenen Fahrzeuge auf dem Markt. Laut dem Onlineverkaufsportal Mobile.de werden zurzeit rund 20 Prozent mehr Dieselfahrzeuge auf dem bundesweiten Gebrauchtwagenmarkt angeboten als sonst. Zudem rollen jährlich 50.000 Autos aus auslaufenden Leasing- und Jahresverträgen auf die Höfe der Händler und Hersteller. Drei Viertel davon sind Dieselfahrzeuge, sagt das CAR. Das Überangebot zersetzt natürlich zusätzlich die Preise.

Nur eines würde den Händlern wie Verbrauchern in dieser Situation helfen, sagt Staubmann: "Die Regierung muss endlich klare Ansagen machen, ob es Fahrverbote geben wird und wenn ja, welche. Dieses ganze Wischiwaschi macht uns Händler kaputt und eigentlich den gesamten Markt." Bisher kann das zuständige Bundesverkehrsministerium (BMVI) die Händler da aber wenig beruhigen. 

Auf die Frage, ob Fahrverbote kommen werden, winden sich die dortigen Sprecher. Offiziell lässt das Ministerium verlauten: "Fahrverbote sind aus Sicht des BMVI ein falscher politischer Ansatz." Das Ziel des BMVI sei es, den Schadstoffausstoß zu senken und Fahrverbote zu vermeiden. Aber so manche Regierungsbehörde hat ja in dieser Sache ihre Ziele nicht erreicht. Der Schlingerkurs der Politiker geht erst einmal weiter. Viele Diesel stehen derweil auf den Händlerhöfen still. So kann man natürlich auch die Emissionen senken.

Die Automobilindustrie in Deutschland