Der Wahlkampf für den Deutschen Bundestag lief auf Hochtouren, als der Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir Mitte September dieses Jahres nach Frankfurt am Main fuhr, um in einer Autowerkstatt für sich zu werben. Es war allerdings nicht irgendeine Werkstatt, sondern der Betrieb von Jürgen Karpinski, dem Präsidenten des Zentralverbands des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK). Und auch das "Kurzpraktikum", das Özdemir dort vor den Kameras absolvierte, galt einem besonderen Thema: Es ging um die Hardware-Nachrüstung eines schmutzigen Euro-5-Dieselmodells.

In der VW-Werkstatt erfuhr der Politiker, dass laut ZDK "für rund 95 Prozent aller Dieselkraftfahrzeugtypen ein Nachrüstsystem entwickelt werden kann". Es waren die Worte, die der Grünen-Vorsitzenden hören wollte – hatten die Autohersteller doch bisher stets behauptet, eine Hardware-Nachrüstung älterer Dieselautos sei entweder technisch nicht machbar oder viel zu kompliziert und teuer. "Der Diesel muss wirkungsvoll nachgerüstet werden", sagte Özdemir daher bei seinem Werkstatttermin und schob noch ein Lob an die ZDK-Vertreter hinterher: "Das Gute ist, wir haben Unternehmen dafür, die die Nachrüstung machen können."

Einige Wochen später zeigt sich: Wahrscheinlich hat Özdemir unrecht – und die Sache mit den Nachrüstungen ist doch komplizierter. 

Auf den ersten Blick schien zwar alles richtig und plausibel, was die Autoexperten dem Politiker vorgeführt hatten. Auf der Hebebühne stand ein VW Passat, der nachträglich mit dem BNOx-System der Wittener Firma Baumot ausgerüstet worden war. Dessen Kernstück ist ein Generator, der die Stickoxide im Abgas mithilfe der Harnstofflösung AdBlue unschädlich macht. Der Hersteller lobt diesen zusätzlichen Abgasreiniger als "platzsparendes System für alle Pkw". Damit könnten die Euro-6-Grenzwerte erfüllt werden – und Autobesitzer müssten kein Fahrverbot mehr befürchten. Kostenpunkt: 1.500 bis 2.000 Euro pro Fahrzeug.

Autohersteller widersprechen dem ADAC

Kurz nach dem PR-Auftritt Özdemirs in der Autowerkstatt meldete sich sogar noch der ADAC zu Wort. Öffentlichkeitswirksam ließ der Autoclub mitteilen, die Technik für die Hardware-Nachrüstung älterer Dieselmodelle läge quasi in den Ersatzteilregalen der Autohersteller und könnte problemlos verbaut werden. Spätestens jetzt schöpften Millionen Autobesitzer Hoffnung, ihre Dieseldreckschleudern doch noch schnell und einfach nachrüsten zu können und nicht von drohenden Fahrverboten betroffen zu sein.

Zu Unrecht: Mittlerweile klingt der ADAC deutlich zurückhaltender. Wer heute beim Automobilclub in München nachfragt und sich nach den Autotypen erkundigt, für die es Nachrüstsysteme aus dem Ersatzteillager geben soll, wird enttäuscht. "Das Thema ist komplex und bedarf der Einordnung", heißt es auf einmal. Konkretere Informationen bleibt der Club schuldig. 

Stattdessen melden sich inzwischen einige Autohersteller zu Wort und widersprechen dem ADAC. So stellte Volkswagen beispielsweise klar, dass die Nachrüstung eines VW Passats mit der Abgasreinigungstechnik des Euro-6-Modells aus zwei Gründen problematisch sei: Der Umbau ist wegen unterschiedlicher Motorelektronik aufwändig und teuer; zudem birgt er auch rechtliche Probleme. Denn für jedes umgebaute Auto muss der Besitzer eine spezielle Typzulassung beantragen, was viel Zeit kostet und die finanziellen Möglichkeiten vieler Autofahrer übersteigt.