Sind die meisten Autofahrer Raser? Zumindest zeigen Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes in Flensburg, dass im vergangenen Jahr 20 Prozent mehr Fahrverbote ausgesprochen wurden als im Jahr davor. In den meisten Fällen wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen. Insgesamt mussten 452.000 Autofahrer ihren Führerschein für eine bestimmte Dauer abgeben. 

Unklar ist allerdings, wie viele Bußgeldbescheide jährlich verschickt werden. Diese Zahl wird weder in Flensburg noch vom Statistischen Bundesamt erhoben. Es müssen aber Millionen sein. Erteilt werden sie nicht nur bei zu schnellem Fahren, auch wer bei Rot über die Ampel fährt oder das Handy am Steuer benutzt, bekommt eines. "Wir schätzen, dass jährlich etwa 20 Millionen Bußgeldbescheide ausgestellt werden und jeder dritte davon fehlerhaft ist", sagt Jan Ginhold. Er ist Geschäftsführer von Coduka, einem Berliner Unternehmen, das den Service geblitzt.de betreibt, der kostenlos Bußgeldbescheide prüft.

"Jeden fünften Fall, den wir annehmen, gewinnen wir", sagt Ginhold. Dann müsse weder die Strafe bezahlt werden, noch gäbe es Punkte. In 15 Prozent der Fälle würden Kleinigkeiten aufgedeckt, die zu einer Verbesserung für die Mandanten führen. Dann müsste zum Beispiel nur eine Strafe bezahlt werden, aber Punkte oder sogar ein Fahrverbot entfallen. Dies sei auch der Grund, warum die Kunden den Service nutzten, sagt Ginhold. Die meisten wollten einfach keine Punkte – und erst Recht kein Fahrverbot.

Das gibt es seit 2014 schon viel früher, denn seither gilt ein neuer Bußgeldkatalog, wonach der Führerschein schon nach acht Punkten weg ist. Manch einer hat die Punkte schnell zusammengesammelt, denn einen gibt es beispielsweise auch schon, wenn man als Fußgänger oder Radfahrer beim Überqueren einer roten Ampel erwischt wird.

Messfehler macht Hunderttausende an einem Tag zu Rasern

Es kommt aber gar nicht so selten vor, dass die Verkehrsteilnehmer zu Unrecht für einen Verstoß geahndet werden. Anfang 2017 deckte geblitzt.de beispielsweise den Blitzerskandal in Köln auf. "Wir haben in unserer Datenbank eine Häufung an falschen Bußgeldbescheiden festgestellt", sagt Ginhold. Rund 420.000 Autofahrer wurden zu Unrecht beschuldigt, weil die Bußgeldstelle von einer niedrigeren Höchstgeschwindigkeit ausging, als tatsächlich erlaubt war. Und so war die gesamte Messreihe mit Hunderttausenden Fahrzeugen falsch.

Coduca ist auch ein Prozessfinanzierer. Solche Dienstleister übernehmen für Kläger das Prozesskostenrisiko gegen eine finanzielle Erfolgsbeteiligung – das heißt, das finanzielle Risiko für die Kunden ist praktisch null. Rechtsanwälte prüfen den Fall vorher und wenn die Gewinnchancen das Niederlagenrisiko überwiegen, übernehmen sie den Fall. Nach diesem Ausschlussprinzip arbeitet auch geblitzt.de. Wenn das Risiko zu hoch ist, werden die Mandanten informiert, dass keine Aussicht auf Erfolg besteht. Dann ist ihr Fall immerhin kostenlos juristisch geprüft worden. Bei anderen Anwälten kostet das 600 Euro, mit Gerichtsverfahren 800 Euro. Überprüft werden nur Fälle, bei denen es um Punkte und Fahrverbote geht – das heißt aber auch: Verwarnungsgelder unter 60 Euro scheiden damit aus.

Das Unternehmen arbeitet mit zwei großen Kanzleien aus Düsseldorf und Leipzig zusammen. Detlef Grube ist Fachanwalt für Verkehrsrecht bei WKR Rechtsanwälte in Leipzig, einem der beiden Vertragspartner. "Es gibt viele unterschiedliche Gründe dafür, dass ein Bußgeldbescheid fehlerhaft ist", sagt er und zählt einige auf. Wenn die Qualität des Fotos schlecht und der Fahrer letztlich nicht erkennbar sei. Oder wenn das Blitzgerät nicht mit ausreichendem Abstand zu Verkehrszeichen aufgestellt war. Der empfohlene Abstand variiert je nach Bundesland und liegt bei rund 100 Metern. Wird mit einer Laserpistole geblitzt, muss bei jeder neuen Messreihe eine Testmessung durchgeführt werden. "Ob die tatsächlich stattfand, sehen wir am Messprotokoll, das Bestandteil der Akte sein muss", sagt Grube.

An manchen Tagen melden sich 400 bis 500 Mandanten an. Besteht Aussicht auf Erfolg, wird der Bußgeldbescheid angefochten. Ist der Einspruch erfolgreich, muss der Staat die Kosten des Verfahrens übernehmen. "Wir gewinnen nicht jeden Fall, sind aber in jedem dritten erfolgreich und haben deshalb eine Mischkalkulation." Das Geschäft sei sehr lukrativ. Auch, weil es nur drei oder vier Mitbewerber auf dem Markt gebe.

Aktuell hat sein Unternehmen rund 87.000 Mandate im System. Je mehr Fälle hinterlegt sind, desto effizienter ist das Geschäftsmodell, weil es mehr Einstellungen zur Folge hat.