Darf man auf einer Autobahn rückwärts fahren, um einem Stau noch kurzfristig zu entgehen? Und wenn man im Stau steht: Darf man den Standstreifen benutzen, um eine nahe Autobahnausfahrt zu erreichen?, will ZEIT-ONLINE-Leser Ralf Röttger wissen.

Die Kölner Polizei veröffentlichte kürzlich ein Video, auf dem zu sehen ist, wie Autofahrer einfach rückwärts fahren oder auf der Autobahn wenden, um dem Stau gegen die Fahrtrichtung zu entgehen. Doch das Video sollte keineswegs als Lehrstück dienen, sondern potenzielle Nachahmer von ähnlichen Fahrmanövern abhalten.

Aber was heißt das rechtlich? "Ich rate auf jeden Fall davon ab, auf einer Autobahn oder Schnellstraße zu wenden. Hier ist schnell der eigene Führerschein in Gefahr", sagt Gerhard Hillebrand, Fachanwalt für Verkehrsrecht aus Neumünster. "Der Gesetzgeber hat das als ein sehr gefährliches Verhalten eingestuft und verboten." Das Vergehen wird nicht nur mit einem Bußgeld geahndet. Eine Rückwärtsfahrt auf der Autobahn wird zudem als Straftat eingestuft, wenn andere Verkehrsteilnehmer konkret gefährdet werden. Dann kommt zur Geldstrafe oder auch Freiheitsstrafe der Entzug des Führerscheins hinzu.

"Wenden auf der Autobahn ist nach dem Gesetz einer der Regelfälle, die mit einer Sperrfrist für den Ersttäter von üblicherweise zwölf Monaten sanktioniert werden", sagt Hillebrand. Zwar könne nur ein Richter die Fahrerlaubnis endgültig entziehen, doch laut Hillebrand können die Beamten noch vor Ort den Führerschein sicherstellen oder beschlagnahmen. Eine Weiterfahrt ist dann nicht mehr möglich. Legt der Betroffene über die Staatsanwaltschaft Widerspruch ein, muss es innerhalb von drei Tagen eine richterliche Entscheidung geben.

Die einzige legale Möglichkeit laut Hillebrand, auf der Autobahn rückwärts zu fahren: wenn ein Polizeibeamter im Stau den Verkehr regelt und die Kraftfahrer ausdrücklich dazu auffordert, die nächste rückwärtige Ausfahrt zu benutzen. Denn solche Weisungen haben Vorrang.

Und auch wenn es sich viele Autofahrer sehr wünschen würden: Der Standstreifen darf im Stau nicht zum schnelleren Vorankommen als Überholspur genutzt werden. Für diese Ordnungswidrigkeit drohen eine Geldbuße von 75 Euro und ein Punkt in Flensburg.

Wer schon mehrmals mit hohen Geldstrafen wegen Vergehen im Straßenverkehr bestraft wurde oder bereits eine Freiheitsstrafe verbüßte, dem drohen im Wiederholungsfall sogar noch längere Sperrzeiten. War der Führerschein in den letzten drei Jahren vor der Tat schon einmal weg, gibt es im Wiederholungsfall mindestens ein Jahr Sperre, in der Praxis sind das mindestens 18 Monate.