Die Ziele klingen unverfänglich: "Dokumentation des aktuellen Wissenstandes zu umweltmedizinisch relevanten Auswirkungen des Verkehrs" und "Analyse und Bewertung vorhandener Studien und Daten, insbesondere im Bereich der Komplexität von Luftgemischen". Das hatte sich die Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor, kurz EUGT, zur Aufgabe gemacht. Der Verein steht hinter den umstrittenen Abgastests an Affen, mit denen die deutsche Autoindustrie wieder in die Schlagzeilen geraten ist.

Was im Tätigkeitsbericht 2012-2015 des Vereins steht, klingt harmlos bis vernünftig. Tatsächlich aber war die inzwischen aufgelöste EUGT nichts anderes als ein mit wissenschaftlichem Mäntelchen verhüllter Lobbyarm der deutschen Automobilindustrie. Die drei Autohersteller Volkswagen, BMW und Daimler sowie ihr Großzulieferer Bosch hatten die EUGT 2007 ins Leben gerufen. Sitz des Vereins war in Berlin.

Der am vergangenen Wochenende bekannt gewordene Abgastest mit Affen, der 2014 stattfand, findet sich ebenfalls in dem Tätigkeitsbericht 2012-2015. Er wird unter "Laufende Projekte" aufgeführt und sollte belegen, dass die modernen Dieselmotoren sauber sind. In dem Bericht wird deutlich, worum es den beteiligten Unternehmen ging: etwa darum, den Umweltzonen in Großstädten die Wirksamkeit abzusprechen, die Aussagekraft gemessener Stickoxidwerte in Stuttgart oder Berlin in Zweifel zu ziehen – und vor allem: die Sauberkeit der eigenen modernen Dieselmotoren zu lobpreisen.

Denn dass die Firmen die dubiose Forschungseinrichtung gerade 2007 gründeten, hat einen wichtigen Grund: Damals starteten die deutschen Hersteller ihre Clean-Diesel-Kampagne. Mitte der nuller Jahre begann die EU – nachdem eine freiwillige Selbstverpflichtung der Autobranche nicht zu einer Senkung der CO2-Werte ihrer Fahrzeuge geführt hatten –, verbindliche Grenzwerte für das Treibhausgas festzulegen und diese in den Jahren danach zu senken. Um die Ziele zu erreichen, setzten die deutschen Autobauer auf den Dieselmotor, denn der stößt gegenüber vergleichbaren Benzinern weniger CO2 aus.

Der Diesel sollte saubergewaschen werden

Der Diesel hat allerdings ein anderes Problem: vergleichsweise hohe Emissionen von Feinstaub und Stickoxid (NOx). Doch iwo!, widersprachen die Hersteller: Mit den "alten Stinkern", als welche die früheren Selbstzünder verschrien waren, habe der Diesel im 21. Jahrhundert nichts mehr zu tun. Den Beweis führen sollte dafür offenkundig die frisch gegründete Forschungsvereinigung. "Die EUGT hatte ganz offensichtlich das Ziel, den Diesel in der öffentlichen Debatte sauberzuwaschen", sagt Christina Deckwirth von der Transparenz-Organisation Lobbycontrol.

Noch ist wenig über die EUGT im Detail bekannt – auch weil sie seit Mitte 2017 nicht mehr existiert. Laut Süddeutscher Zeitung war Volkswagen 2016 nach dem Auffliegen der Abgasmanipulationen ausgetreten, und Daimler und BMW wollten die Organisation ohne VW nicht weiter erhalten. Klar ist aber: Die beteiligten Autobauer, die sich nun so lautstark distanzieren und die Versuche als "widerlich" und "abstoßend" geißeln, trugen die EUGT nicht nur finanziell. Sie waren direkt involviert, wie der erwähnte Tätigkeitsberichtbelegt: Er führt den fünfköpfigen EUGT-Vorstand namentlich auf. Hochrangige Vertreter von BMW, Daimler und VW saßen darin, etwa der BMW-Manager Frank Hansen und Udo Hartmann, Daimlers Umweltschutz-Beauftragter.

In den Unternehmen wusste man also über die Tätigkeit der EUGT Bescheid. Der inzwischen beurlaubte VW-Manager Thomas Steg bestritt in der Bild-Zeitung auch nicht, dass er von den Versuchen wusste. Daimler hat an diesem Mittwoch ebenfalls reagiert: Der Konzern stellte Udo Hartmann mit sofortiger Wirkung frei und sagte eine lückenlose Aufklärung zu. Allerdings betonen Daimler und auch BMW, dass der Versuch mit den Affen federführend von VW begleitet worden sei.