ZEIT ONLINE: Herr Jungwirth, kennen Sie den Tatort, in dem ein autonomes Auto als Mordwaffe benutzt wird?

Johann Jungwirth: Ja – eine Mitarbeiterin hatte den gesehen und mich informiert. Schon lustig, wie einfach sich die Leute das vorstellen: Auto hacken, Kontrolle übernehmen, zack, fertig. Ist natürlich völliger Unfug.

ZEIT ONLINE: Es zeigt zumindest ein gewisses Maß an Misstrauen in Deutschland gegenüber der Technologie.

Jungwirth: Aber es wird besser. Vor ein paar Jahren standen laut einer Studie nur 50 Prozent der Deutschen dem autonomen Auto positiv gegenüber – verglichen mit über 90 in Saudi-Arabien. Laut einer aktuellen Umfrage sind es jetzt schon 60 Prozent.

ZEIT ONLINE: Überzeugen Sie den Rest. Warum brauchen wir überhaupt autonom fahrende Autos?

Jungwirth: Da gibt es viele Gründe. Drei sind mir besonders wichtig. Erstens: Sicherheit. Derzeit gibt es weltweit jährlich etwa 1,25 Millionen Verkehrstote. Das müssen wir stoppen! Rechnen Sie das auf abgestürzte Flugzeuge um – der Flugverkehr wäre erledigt. Mehr als 90 Prozent der Unfälle entstehen durch menschliche Fehler, die autonome Autos natürlich nicht machen.

ZEIT ONLINE: Aber auch sie werden Fehler machen.

Jungwirth: Ja, aber das werden dramatisch weniger sein. Zweitens: Mir ist Mobilität für alle sehr wichtig. Mit dem autonomen Auto ohne Lenkrad können auch Blinde, Alte, Kranke fahren. Selbst Kinder, die noch kein Smartphone haben, können sich ein autonomes Auto rufen, mittels einer Funktaste – ich nenne sie OneButton –, die sie immer bei sich tragen. Ein Druck, und das Auto holt sie etwa von der Schule ab.

ZEIT ONLINE: Das klingt nach Zukunftsmusik ...

Jungwirth: Keinesfalls! Es passiert, das ist sicher. Wir testen selbstfahrende Autos bereits auf der Straße. 2021, also in drei Jahren, wird Volkswagen in zwei bis fünf Städten in den USA und vielleicht auch in Deutschland Mobilitätsflotten mit selbstfahrenden Fahrzeugen auf Abruf installieren – natürlich in enger Abstimmung mit den Gemeinden.

ZEIT ONLINE: Und der dritte Vorteil?

Jungwirth: Die Zeit. Durchschnittlich verbringt jeder im Laufe seines Lebens 37.668 Stunden im Auto, die er sinnvoll nutzen könnte. Das Auto, das selber fährt, kann Konzertsaal, Büro, Schlafzimmer, Kino sein und dich beim Fahren noch massieren.

ZEIT ONLINE: Oder Werbung einblenden?

Jungwirth: Ja, auch das. Wer beispielsweise im autonomen Fahrzeug zu einem Supermarkt fährt, könnte die Fahrt gratis bekommen, wenn er sich die Sonderangebote zeigen lässt. Will er das nicht, zahlt er eben 4,50 Euro.

ZEIT ONLINE: Deutsche Autohersteller setzen bislang vor allem auf das autonome Fahren auf der Autobahn – zum Beispiel Audi mit dem Staupiloten im neuen A8. Bis der Stadtverkehr dran ist, hieß es etwa in Ingolstadt, werde es noch viele Jahre dauern.

Jungwirth: Das geht jetzt doch schneller, da maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz, neuartige Sensoren mit höherer Auflösung und größerer Sichtweite wie Lidar, Radar und Kameras, höhere Rechnerleistung bei gleichzeitig niedrigerem Stromverbrauch sowie Cloud-Computing und Simulationsfähigkeiten exponentiell gewachsen sind und dies nun ermöglichen.