Darum hat die Europäische Union schon vor acht Jahren Obergrenzen dafür festgelegt. Aber bis heute liegen die gemessenen Werte in zahlreichen deutschen Städten deutlich darüber. Auch am Stuttgarter Neckartor wird versucht, die Belastung unter die EU-Grenzwerte zu drücken – bisher vergeblich. Damit misst die Station nicht nur Feinstaub und Stickoxide, sie misst auch Erfolg oder Misserfolg der Verkehrspolitik in Stuttgart und in Baden-Württemberg.

Die Messwerte sind eher Sinnbild der Erfolglosigkeit. Entsprechend groß ist der Rechtfertigungsdruck, den gerade der Stuttgarter OB in seiner Stadt verspürt. Etwa in einem Kulturzentrum im Stuttgarter Westen am vergangenen Donnerstag. Der Saal ist mit etwa 60 Menschen voll besetzt, es ist Kreismitgliederversammlung der Grünen. Auf der Tagesordnung steht auch: Verhandlung Leipzig. Eigentlich sollte das Urteil zu den Dieselfahrverboten schon heute fallen, die Stimmung ist noch immer angespannt, Stellungnahmen von Winfried Hermann und Fritz Kuhn sind vorbereitet.

Landesverkehrsminister Hermann deutet auf Balken, die auf eine Leinwand projiziert werden: "Diese erste Grafik zeigt, dass die Bemühungen der letzten Jahre eindeutig zum Rückgang der Emissionen führen." Auch Oberbürgermeister Kuhn bittet seine Parteikollegen um Verständnis: "Bei aller Kritik müsst ihr sehen, dass die Werte in Stuttgart besser werden – beim Feinstaub und bei den Stickoxiden."

"Leider langsamer, als wir gedacht haben"

Beide führen verkehrspolitische Erfolge an: Tempo-30-Zonen, den Rückbau von Fahrbahnen, kostenpflichtige Parkplätze in der Innenstadt, den Ausbau von Radstrecken. Bei Feinstaubalarm wird auf jeder Zufahrtsstraße Stuttgarts mit leuchtenden Warntafeln gebeten, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen, die dann vergünstigt sind. Vieles sei umgesetzt worden, sagt Kuhn, obwohl sich die Grünen jede Mehrheit erkämpfen mussten – im Gemeinderat hat die CDU seit 2014 wieder drei Sitze mehr. Am Ende aber geben Kuhn und Hermann zu: All das reicht trotzdem nicht. "Es ist mühsam und es geht leider langsamer, als wir gedacht haben", sagt Hermann. Dennoch: Auch ohne Fahrverbote könne man die Grenzwerte einhalten – im Jahr 2020 wäre es so weit.

Da steht ein Parteimitglied von seinem Holzstuhl auf, nimmt das Mikrofon in die Hand und fragt: "Wie kann so was in einer grün regierten Stadt eigentlich so lange dauern?" Roland Kugler saß 20 Jahre für die Grünen im Gemeinderat. Er ist Anwalt und vertritt Anwohner am Neckartor, die gegen das Regierungspräsidium klagen. Ihre Forderungen: die Luftreinhaltepläne verschärfen und die Verkehrsmenge verringern.

Die Frage, die Kugler aufwirft, tragen einige in der Partei schon länger mit sich herum. Manche hat sie sogar von Stammwählern zu Nichtwählern werden lassen. Einer von ihnen ist Manfred Niess, er ist einer der Kläger, die Anwalt Kugler vertritt. Für Niess ist vieles von dem, was Kuhn und Hermann als Erfolg benennen, eine "Alibi-Maßnahme". Der 68-jährige Rentner steht im vierten Stock eines Gründerzeithauses im Stuttgarter Kernerviertel, nur wenige Gehminuten von der Messstation Neckartor entfernt. Er blickt durch das Fenster seines Arbeitszimmers auf die Baustelle am Hauptbahnhof. Ihn umgeben Bücher auf Holzregalen, Topfpflanzen, ein Poster von Greenpeace, das einen Eisbären zeigt.

Niess macht eine ausladende Handbewegung über die Häuserdächer und sagt: "Ein Dichter hat mal gefragt: Wer herrscht hier?" Er deutet auf den sandfarbenen Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs, sein Finger wandert nach oben bis zum Mercedes-Stern, der sich auf dem Turm dreht. "Der Daimler", beantwortet Niess seine Frage selbst. 2005 hat er das erste Mal gegen die Stadt geklagt, um die Feinstaubbelastung zu senken und zu erreichen, dass Luftreinhaltepläne erstellt werden – wozu die Behörden seit 2004 verpflichtet sind. "Damals dachte ich, 2010 sei alles vorbei. Mittlerweile bin ich unsicher, ob ich die Einhaltung der Grenzwerte noch erlebe", sagt er.

In einem weiteren Verfahren ging er 2017 einen Vergleich mit der Stadt ein. Die sicherte ihm zu, die Verkehrsmenge an besonders belasteten Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Passiert ist das bisher nicht. Verkehrsminister Hermann rechtfertigt sich: Wenn man am Neckartor Fahrspuren schließe, steige die Belastung anderswo. Man habe dem Vergleich zu optimistisch zugestimmt. Hermann ist das, wie er auf der Kreismitgliederversammlung sagt, "peinlich".