"Dass die Menschen Auto fahren, liegt nicht an teuren Bahntickets", erklärt Cats. "Mit dem Auto kommen sie besser ans Ziel. Wenn die Leute wirklich umsteigen sollen, gibt es nur zwei effektive Mittel: das Autofahren teurer machen oder das Bahn- und Busfahren besser. Nur umsonst reicht nicht." Tatsächlich hat es Tallinn geschafft, in Zentrum und Altstadt den Autoverkehr zu reduzieren – nicht wegen des Gratis-ÖPNV, sondern weil man die Parkgebühren drastisch erhöht hat.

"Wir Autofahrer müssen für dieses Projekt zahlen", ärgert sich indes Kira Evve, eine junge Estin Anfang 30. Tallinn verlangt für das Parken in der Altstadt pro Stunde sechs Euro. Das ist, gemessen an den niedrigen Durchschnittslöhnen in Estland, viel Geld. Evve wohnt in Kopli, einem Stadtteil im äußersten Nordwesten von Tallinn, arbeitet aber wie die meisten Menschen im Stadtzentrum. Einen Bus gebe es, doch weil der an jeder Ecke halt mache, benötige sie rund eine Stunde zur Arbeit. "Mit meinem Auto brauche ich zehn Minuten." Öffentliche Verkehrsmittel benutzt sie nur am Wochenende, wenn sie in die Altstadt fährt.

Inzwischen baut die Stadt Park&Ride-Plätze am Rande des Stadtzentrums, auch das Liniennetz soll größer werden. Aber Kira sagt, Grund für diese Maßnahmen sei nicht der gestiegene Bedarf durch den kostenlosen Nahverkehr, sondern dass die estnische Hauptstadt wachse.

Mit hohen Parkgebühren lassen sich die ausbleibenden Ticketeinnahmen allerdings nicht kompensieren. "Der Einnahmeverlust ist groß, wenn Sie den Nahverkehr umsonst machen, auch in Tallinn", sagt Oded Cats. "Sie brauchen eine weitere Einkommensquelle, sonst bekommen Sie Probleme." Tallinns Lösung ist die Einkommensteuer. Allan Alaküla von der Stadtverwaltung rechnet vor: Man habe durch den Ausfall der Ticketeinnahmen mit Mehrkosten von zwölf Millionen Euro pro Jahr gerechnet. Um den kostenlosen ÖPNV nutzen zu können, muss man in der Stadt als Bürger gemeldet sein. Seit der Einführung des Gratisverkehrs ist die Einwohnerzahl deutlich gestiegen, um rund 34.000. Damit zahlen mehr Menschen ihre Steuern in der Hauptstadt – ein jährliches Plus von 20 Millionen Euro, "sehr konservativ geschätzt", wie Alaküla sagt.

Nachbargemeinden sind verärgert

Unter dem Strich verdient Tallinn also sogar am kostenlosen Nahverkehr. Auch die Tatsache, dass dieser insgesamt reibungslos läuft, lässt sich damit erklären, meint Verkehrsforscher Cats. "Ohne diese besondere finanzpolitische Situation würde das in Tallinn nicht funktionieren." Allerdings auf Kosten der Nachbarstädte, beklagen sich diese. Unlauterer Wettbewerb sei das. Oder gar: Tallinn knöpfe den Nachbarkommunen Geld ab, das diese unter anderem für Schulen und Kindergärten benötigten.

Das sind harte Vorwürfe. Erhoben werden sie unter anderem von Valdur Vacht von der Stadtverwaltung der Gemeinde Keila, etwa 25 Kilometer westlich von Tallinn mit rund 11.000 Einwohnern. Zwar zögen vor allem junge Familien nach Keila, sagt Vacht, "trotzdem gehen die Einwohnerzahlen insgesamt zurück, seit Bahnfahren in Tallinn kostenlos ist." Dabei gibt es auch in Keila seit einigen Jahren kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, nicht nur für die Einwohner der Stadt. "Weil das billiger ist, als den Verkauf von Tickets zu organisieren", sagt Stadtvertreter Vacht. Aber: "Wir sind ein kleines Land und die meisten Jobs gibt es halt in Tallinn."

Das restliche Estland leidet darunter, dass der wirtschaftliche Aufschwung der ehemaligen Sowjetrepublik vor allem in Tallinn stattfindet. Dass nun auch noch Menschen in Keila leben, aber in Tallinn gemeldet sind, nur um dort umsonst Bus und Bahn nutzen zu können, ärgert Valdur Vacht. In der Stadt schätzt man, dass rund zehn Prozent der Einwohner von Keila so tricksen. "Damit entgehen uns pro Jahr Steuereinnahmen in Höhe von rund einer Million Euro", sagt Vacht.

Vor Kurzem hat seine Stadt deshalb sogar ein Rückkaufprogramm gestartet: Jeder, der sich wieder als Bürger von Keila einträgt, erhält einmalig 100 Euro von der Stadt. Ein Erfolg sei das gewesen, rund 200 Einwohner habe man so zurückgewonnen.

Doch dieses Problem gehört wohl bald der Vergangenheit an. Denn die Planungen in Estland gehen längst über die Stadtgrenzen hinaus. Ab Juli werden die staatlich subventionierten überregionalen Buslinien ebenfalls kostenlos. Für alle, auch für Ausländer. Allan Alaküla ist überzeugt: Estland wird das erste Land der Welt mit kostenlosem öffentlichen Verkehr sein.