Allan Alaküla steht in der Eingangshalle der Tallinner Stadtverwaltung und beendet gerade ein Telefongespräch. "Raten Sie mal, wer das war!", sagt er lächelnd und hält sein Handy hoch: schon wieder ein deutscher Journalist. Solche Anfragen kommen gerade mehrmals am Tag rein. Alaküla ist eine Art Botschafter der Stadt für den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Den hat die estnische Hauptstadt vor mehr als fünf Jahren eingeführt.

Seitdem erklärt Alaküla regelmäßig Journalistinnen und Journalisten weltweit das Modell in Tallinn. Seit ein paar Wochen vor allem den deutschen. "Dieser plötzliche Ansturm aus Deutschland kam aus dem Nichts", sagt er. "Bis jetzt haben die Deutschen die Idee ja praktisch ignoriert, zumindest was die großen Parteien angeht."

Es ist kalt in Tallinn, selbst für estnische Verhältnisse. Seit Jahren gab es in der Stadt nicht mehr so viel Schnee im Februar wie in diesem Jahr. In deutschen Kommunen müsste man bei so einem Wetter wohl mit verspäteten Bussen und Bahnen rechnen oder gar mit ausfallenden. In Tallinn hingegen fährt der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) so pünktlich und zuverlässig, als ob nichts wäre. Die Trams, Trolleys und Busse sind modern, sauber – und keineswegs überfüllt. Und das, obwohl die überwiegende Mehrheit der Fahrgäste nichts bezahlt.

Wer in Tallinn Bus oder Tram fahren will, muss beim Betreten eine Chipfahrkarte, die Ühiskaart, an einen Entwerter halten. Auswärtige müssen vorher Geld auf die Karte laden – wer hingegen in Tallinn gemeldet ist, kann seine oder ihre Ühiskaart online registrieren lassen und hat damit ein in der ganzen Stadt gültiges Ticket. Anders als in anderen Städten, die mit dem Gratis-Nahverkehr experimentiert haben, funktioniert das Modell in der estnischen Hauptstadt bislang. Kein Massenandrang, keine überforderte Verkehrsinfrastruktur, keine explodierenden Kosten. Der estnische Staat gibt nichts dazu, nur für die Instandsetzung des Straßenbahnnetzes gab es Geld von der EU. Kein Wunder, dass deutsche Politiker jetzt nach Tallinn schauen: Wie kriegen die das hin?

Gratisfahrten aus sozialen Gründen

2013 habe man den Nahverkehr vor allem aus sozialen Gründen kostenlos gemacht, weniger wegen der Luftverschmutzung, sagt Alaküla. In der Finanzkrise konnten sich viele Menschen in Tallinn die Tickets nicht mehr leisten – und das, obwohl der ÖPNV bereits zu mehr als 70 Prozent öffentlich subventioniert wurde.  "Wenn wir schon so viel Geld ausgeben und die Menschen es sich trotzdem nicht leisten können, dann ist das doch eine gewaltige Verschwendung von öffentlichen Mitteln."

Ein Argument, das deutsche Politiker interessieren dürfte, auch hier zahlt der Staat ja beträchtlich mit. Allerdings sind die Fahrgastzahlen in Tallinn seit Einführung der Gratisfahrten nicht exorbitant gestiegen: um etwa 14 Prozent im Vergleich zu vorher, der Wert bleibt seither relativ stabil. Der geringe Anstieg liegt vor allem daran, dass Bus und Bahn schon vorher für Teile der Bevölkerung kostenlos oder sehr billig waren, für Rentner, Schüler und Studierende.

Hinzu kommt: Tallinn ist eine vergleichsweise kleine Stadt mit knapp 430.000 Einwohnern. Lässt sich das Modell auf deutsche Großstädte übertragen? "Natürlich kann man aus den Erfahrungen anderer lernen, aber es hängt in erster Linie von einer Grundfrage ab: Was wollen Sie bewirken?", sagt Oded Cats. Er ist Verkehrswissenschaftler an der TU Delft in den Niederlanden und hat das Tallinner Modell untersucht. "Das Ziel, die Mobilität von Arbeitslosen und Niedriglöhnern zu erhöhen, wurde in Tallinn erreicht." Tatsächlich ist die soziale Durchmischung in den Trams und Bussen hoch.

Aber: "Das Ziel, Autofahrern öffentliche Verkehrsmittel schmackhaft zu machen, erreichen sie damit nicht", schränkt Cats ein. Die Zahl der Autofahrer, die wegen des kostenlosen Nahverkehrs umgestiegen sei, sei marginal. Es führen einfach mehr Menschen mit Bus und Tram, die vorher zu Fuß gegangen seien. Und im Hinblick auf die Diskussion in Deutschland fügt der Verkehrsforscher hinzu: "Einen wirklichen Effekt auf die Menge an Schadstoffen, die von Autos ausgestoßen werden, gibt es auch in Tallinn nicht."