Kaum war die Idee in der Welt, wurde sie auch schon zertrampelt: Der Städtetag war überrascht und kritisch, die genannten angeblichen Teststädte fühlten sich überrumpelt. Nein, so konkret war das mit dem kostenlosen Nahverkehr dann doch nicht, hieß es prompt aus Berlin. Es sei doch bloß ein Vorschlag. Kritiker sahen darin denn auch lediglich eine Nebelkerze, eine Beruhigungspille für einen EU-Verkehrskommissar, der Deutschland mit einer Klage droht wegen der Luftverschmutzung in vielen Städten.

Das wäre schade, denn über den Nahverkehr zu diskutieren, ist dringend geboten. Wenn auch nicht gleich über einen komplett kostenlosen. Der überwiegende Teil der Bevölkerung wohnt nicht in Berlin, München oder Hamburg, sondern in kleineren Kommunen oder gar in Regionen, wo man sich keinen kostenlosen Nahverkehr wünscht, sondern erst mal überhaupt einen. Oder zumindest einen zufriedenstellenden. Denn dass es an der Landshuter Allee in München oder am Stuttgarter Neckartor zu Staus, Lärm und schlechter Luft kommt, hat weniger mit den Städtern in Autos zu tun, sondern mit den Pendlern aus dem Umland, die in die Ballungszentren fahren – und zwar mit dem eigenen Pkw, weil es für sie keine akzeptable Alternative gibt.

Viele wohnen in den Speckgürteln der Städte oder gar noch weiter draußen, weil dort Mieten noch bezahlbar sind. Im Umland existiert aber oft kein guter ÖPNV. Schlechte Anbindungen, unzureichende Taktfrequenzen und inakzeptable Umsteigewartezeiten verlängern Reisezeiten so sehr, dass das Pendeln im eigenen Auto schneller geht (oder zumindest so erscheint, weil viele mögliche Staus unterschätzen).

Die Ticketpreise sind nicht entscheidend

Deshalb brauchen Städter keine Gratisfahrten in U-Bahn und Bus. Vergünstigte Tickets, insbesondere für ärmere Familien, gibt es in vielen Städten ohnehin. Wenn der Politik daran gelegen ist, den ÖPNV zu stärken, dann sollte sie nicht die Fahrscheine abschaffen. Sie sollte lieber den öffentlichen Nahverkehr ausbauen, insbesondere jenseits der Großstadtgrenzen. Das kommt dann auch den Städtern in Form von sauberer Luft zu gute.

Der Ticketpreis – das zeigen Umfragen immer wieder – ist nicht der entscheidende Faktor, warum sich Menschen gegen Bus und Bahn und fürs Auto entscheiden. Die Mehrheit meidet den ÖPNV nicht, weil sie ihn für zu teuer hält, sondern für zu schlecht. Muss man mehr als ein Mal umsteigen, winken viele schon ab und setzen sich ins Auto. Zu Pünktlichkeit und der Frage, wie häufig Bus und Bahn im konkreten Fall überhaupt fahren, kommen weiche Faktoren wie Komfort, die Sauberkeit in den Fahrzeugen oder das Sicherheitsempfinden.

Es gibt noch viel zu tun, um den Nahverkehr attraktiver zu machen: mit einem dichteren Netz und geringeren Takten auch in den Nebenzeiten. Wenn man dann noch an wichtigen Knotenpunkten den ÖPNV mit Carsharing clever verknüpft und dort Fahrradparkhäuser errichtet, um den Umstieg von einem Verkehrsmittel auf ein anderes zu erleichtern, dann wäre viel gewonnen. Mehr als lediglich mit Gratisbusfahrten. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Ein solcher Ausbau braucht Zeit. Umso dringender ist es, zügig damit anzufangen.