ZEIT ONLINE: Herr Sperling, Sie haben einmal geschrieben: "Autos werden nicht verschwinden. Der Wunsch nach einem persönlichen Fahrzeug ist mächtig und allgegenwärtig, denn Autos bieten nie da gewesene Freiheit, Flexibilität, Bequemlichkeit und Komfort." Wenn dem so ist: Wie kann man dann überhaupt eine Verkehrswende schaffen? Wie bekommt man die Leute aus den eigenen Autos?

Dan Sperling: Eine Möglichkeit ist, das Fahrradfahren und Zufußgehen zu fördern. Man kann sichere Radwege bauen, wie es etwa Kopenhagen gemacht hat. Das Problem ist: Wir sind ans eigene Auto gewöhnt, es ist wie eine Erweiterung des eigenen Zuhauses, und man kann darin alles Mögliche leicht transportieren: den Hund oder die Sportausrüstung. Das wird sich ändern müssen. Die große Herausforderung ist, fremde Leute dazu zu kriegen, das Auto gemeinsam zu nutzen. Vor zehn Jahren, als ich das Buch geschrieben habe, aus dem Sie zitieren, war das eine neue Idee.

ZEIT ONLINE: Was hat sich seither verändert?

Sperling: Wir haben heute Smartphones, das macht vieles leichter. Früher war es sehr schwer, jemanden zu finden, der zur gleichen Zeit zum gleichen Ziel unterwegs sein wollte und mit dem man sich eine Fahrt teilen konnte. Deshalb fand das kaum statt. Dabei gaben wir in den USA Milliarden Dollar für den Bau neuer Straßenspuren aus, die nur von Carpool-Autos genutzt werden durften.

ZEIT ONLINE: Obwohl die Leute auf den Carpool-Spuren nicht im Stau stehen mussten, wollten sie lieber allein zur Arbeit fahren?

Sperling: Ja, weil es ohne Smartphones zu schwierig war, sich mit anderen abzustimmen. Heute aber gibt es Smartphones und Apps. Sie ermöglichen Fahrten, die sich am Bedarf orientieren. In Zukunft wird noch die Automatisierung hinzukommen. Durch sie wird Autofahren günstiger.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit Automatisierung? Autonomes Fahren?

Sperling: Ich nenne es nicht autonom, denn der Begriff bedeutet: von allem getrennt. Aber diese Autos werden miteinander verbunden sein – auch wenn sie keinen Fahrer mehr brauchen. Deshalb nenne ich sie automatisiert.

ZEIT ONLINE: In Ihrem neuen Buch Three Revolutions schreiben Sie, die Automatisierung sei eine der drei Kräfte, die den Verkehr in Zukunft grundlegend veränderten. Wie muss man sich das vorstellen?

Sperling: Die drei Revolutionen sind Automatisierung, Sharing und Elektrifizierung. Ein automatisiertes Auto kann ständig in Bewegung sein: 10, 15, 20 Stunden am Tag. Statt 15.000 Kilometer im Jahr fährt es vielleicht die zehnfache Strecke. So braucht man weniger Autos. Für die Fahrgäste entscheidend ist aber, dass die Kosten pro Meile viel niedriger sind als bisher. Und fährt das Auto mit Elektroantrieb, ist es noch billiger, denn Energie und Wartung kosten weniger.

Wenn nun ein Unternehmen das Auto betreibt und die Fahrten so organisiert, dass möglichst mehrere Personen zur gleichen Zeit befördert werden, dann ist jede Fahrt für jeden Fahrgast extrem günstig. Genau das wird nötig sein, um Passagiere zu überzeugen.

ZEIT ONLINE: Wem würden die Autos gehören?

Sperling: Das wäre in jedem Land anders. In den USA wären es vermutlich Unternehmen wie Uber oder Lyft. In Deutschland könnten es die öffentlichen Verkehrsanbieter sein, Bus- oder Bahnunternehmen, oder die Städte selbst.

Es wäre nicht nur viel billiger, sich fortzubewegen, sondern man würde auch mehr Menschen den Zugang zu Mobilität eröffnen.
Dan Sperling

ZEIT ONLINE: Statt der Linienbusse würde man fahrerlose Sammeltaxen einsetzen.

Sperling: Es geht nicht nur darum, das eine durch das andere zu ersetzen. Man würde die verschiedenen Arten der Mobilität integrieren, und die Fahrgäste würden nur eine App nutzen, über die sie alles bezahlen und alle nötigen Informationen erhalten. Die Vorteile wären riesig: Auf diese Art wäre es nicht nur viel billiger, sich fortzubewegen, sondern man würde auch mehr Menschen den Zugang zu Mobilität eröffnen – auch jenen, die kein Auto besitzen, gar nicht fahren können oder beispielsweise nachts nicht fahren möchten. Im Idealfall hätten wir dann weniger Fahrzeuge und dennoch eine bessere Versorgung.

ZEIT ONLINE: Gibt es schon reale Beispiele?

Sperling: Wir haben noch keine fahrerlosen Autos. Das wird bald kommen. Aber Uber und Lyft bieten in den USA schon an, dass sich mehrere Passagiere eine Fahrt teilen. UberPool nutzt einen Algorithmus, um dem Fahrer die effizienteste Route zu zeigen, entlang der er mehrere Passagiere einsammelt. Diese Fahrt dauert dann etwas länger, aber es ist billiger als der Einzelservice.