Der Platz vor dem Stadion in Bogotá füllt sich schnell an diesem Abend. Wo sonst Fußballfans auf das Spiel warten, grölen, randalieren und auch mal eine Träne verdrücken, treffen sich heute Tausende Radfahrerinnen und Radfahrer. Statt Fangesängen hört man das Bimmeln Hunderter Fahrradklingeln. Aus mitgebrachten Boxen dröhnt mal Punkrock, mal Cumbia. Bunte Lichter blinken und erzeugen eine fast schon psychodelische Festivalatmosphäre. Viele Räder sind mit bunten Fahnen geschmückt, auf denen die Logos lokaler Fahrradkollektive prangen. Über dem Platz hängt ein leichter Duft von Marihuana und Kettenfett.

Seit einigen Jahren erlebt die kolumbianische Hauptstadt einen Fahrradboom: Eine in Lateinamerika einzigartige Infrastruktur und verschiedene Maßnahmen haben dafür gesorgt, dass mittlerweile jeder zehnte Einwohner von Bogotá täglich das Fahrrad nutzt.

An diesem Donnerstag ist es der jährliche Día sin carro, der autofreie Tag. Seit 2001 dürfen an jedem ersten Donnerstag im Februar nur Busse, Taxis und Fahrzeuge mit Spezialgenehmigung in der Hauptstadt unterwegs sein. So liegt auch jetzt eine fast schon eigenartige Stille über der Stadt. Das leise Rattern der Fahrräder erfüllt die Straßen und ersetzt das Hupen und das Quietschen der Reifen, das sonst im Minutentakt zu hören ist.

Aus einer Gruppe von Freunden wurden 2.000

Dass sich an diesem Abend so viele Radfahrer treffen, liegt aber auch an Jorge Malagón und Andrés Vergara. Vor rund zwölf Jahren kamen Vergara und ein paar Freunde auf die Idee, nach der Uni gemeinsam mit dem Rad die Stadt zu erkunden. Die Tour gefiel ihnen, fortan fuhren sie jeden Mittwochabend auf verschiedenen Routen durch Bogotá. Der Ciclopaseo de los Miércoles, die Fahrradspazierfahrt am Mittwoch, war geboren.

Jorge Malagón, der 2007 erstmals beim Ciclopaseo mitfuhr und seit Jahren einer der Hauptorganisatoren ist, erklärt das Konzept: "Die Idee ist einfach: Wir bringen dich in Gegenden der Stadt, die du noch nicht kanntest. Wir wollen den Leuten auch eine andere Perspektive auf die Stadt ermöglichen."

Nachts durch Bogotá Rad zu fahren, galt Mitte der 2000er Jahre eigentlich als zu gefährlich, der kolumbianische Binnenkonflikt erlebte gerade eine Hochphase. Die Regierung unter Präsident Álvaro Uribe Vélez führte mit Unterstützung der USA einen "Krieg gegen den Terror", dem auch in Bogotá immer wieder Zivilisten zum Opfer fielen.

Doch der Ciclopaseo wuchs mit jeder Tour weiter. Die Masse gab Sicherheit. Schnell entstand der Slogan der Fahrradaktivisten: "Jeden Tag werden wir mehr."

2012 fuhren mehr als 2.000 Radfahrerinnen und Radfahrer jeden Mittwochabend gemeinsam durch die Stadt. Damals entstanden plötzlich lokale Fahrradtouren in den verschiedenen Stadtvierteln. Durch den Ciclopaseo gab es Fahrräder an Orten der Stadt, an denen die Menschen bislang nie an Fahrräder gedacht hatten. "Wir haben unser Hauptziel erreicht: das Fahrrad sichtbar zu machen und den Leuten zu zeigen, dass die Stadt pedalierbar ist", sagt Malagón. Und wer jeden Mittwochabend auf Menschen mit den gleichen Interessen trifft, fängt irgendwann an, eigene Ausflüge zu organisieren.