Viele Städte kämpfen mit dem zunehmenden Verkehr und den Problemen, die er mit sich bringt. Was unternehmen Großstädte, damit der Verkehr in ihren Zentren besser und sauberer wird? Und wie erfolgreich sind sie damit? Wir werfen in unserer Serie einen Blick auf Metropolregionen in ganz Europa.

Der Mann, der schwer atmend an der roten Ampel zum Stehen kommt, ist der typische Vertreter eines Londoner Radfahrertyps, dem man den Namen Mamil gegeben hat: middle-aged man in lycra. Er trägt Hosen und Oberteil aus Elastan, einklickbare Fahrradschuhe, eine Brille. Professionell ist die Montur, verbissen der Blick. Als die Ampel auf Grün springt, rutscht er allerdings ein paar Mal vom Pedal ab. Der Start missglückt. Eiskalt nutzen zwei jüngere Fahrer hinter dem Mamil die Gelegenheit und überholen. Offensichtlich gekränkt setzt der Mamil zur Aufholjagd an, kurz vor der Station Kilburn High Road lauert er wenige Meter hinter der Konkurrenz. Doch die Straße ist schmal und der Belag schlecht. Hier empfiehlt es sich nicht, die Führungsposition zurückzuerobern. Zudem sitzt ihm seit längerer Zeit ein Lastwagen im Rücken, der jetzt warnend hupt und kurz darauf dicht an den dreien vorbei scheppert.

Fahrradfahren in der britischen Metropole kann unangenehm sein. Viele Straßen haben keine markierten Radwege, der Verkehr ist hektisch, der Platz beschränkt. Unterdessen wächst die 8,7-Millionen-Stadt rasant an. Viele Autofahrerinnen und Autofahrer achten kaum auf Zweiräder, was oft zu Konflikten führt – etwa beim Linksabbiegen, bei dem sich die Autofahrer nicht um Zweiräder scheren, die geradeaus weiterfahren. Konstante Bremsbereitschaft ist in London sehr ratsam.

10,3 Millionen Fahrradfahrten

Großbritanniens Hauptstadt will zu einer Fahrradstadt werden. Die Infrastruktur dafür auszubauen, ist seit Jahren ein Schwerpunkt der Stadtplanung – und tatsächlich hat sich bereits viel verändert. Am auffälligsten sind die Mieträder, die früher als "Boris-Bikes" bekannt waren, weil sie unter dem damaligen Bürgermeister Boris Johnson eingeführt wurden. Heute gibt es in der Londoner Innenstadt 750 Dockingstationen, in denen die Mieträder abgeholt und abgestellt werden können; im vergangenen Jahr wurden sie für 10,3 Millionen Fahrten benutzt, häufiger als je zuvor.

Die zweite große Neuerung sind die Cycle Superhighways: geräumige Radwege im Stadtzentrum. Sieben sind bereits fertig, weitere befinden sich im Bau. Zudem hat die Stadtbehörde drei Gemeindebezirken je 30 Millionen Pfund bereitgestellt, um ihre Infrastruktur für Fahrräder auszubauen; das Programm nennt sich "Mini-Holland". Solche Initiativen haben zu einem dramatischen Anstieg des Fahrradverkehrs in London geführt: Laut der Verkehrsbehörde Transport for London (TfL) hat die Zahl der mit dem Rad zurückgelegten Strecken zwischen 2005 und 2016 um 75 Prozent zugenommen.

Autos kriechen mit 13 Kilometer pro Stunde

Die wichtigste Kampagne, die sich für den Ausbau der Radinfrastruktur einsetzt, ist die London Cycling Campaign (LCC). Ihr Büro liegt im Stadtteil Wapping, östlich des Tower of London. Vom Bahnhof Charing Cross dorthin sind es rund fünf Kilometer, die sich per Rad in 20 Minuten bewältigen lassen: Auf dem Cycle Superhighway nördlich der Themse fährt man in sicherer Distanz zu Autos und Lastwagen, geschützt durch einen Gehsteig, in raschem Tempo ins East End.

Lästig sind nur die ungeduldigen Hitzköpfe, die einem im Nacken sitzen und schnaubend zu erkennen geben, dass es ihnen nicht schnell genug geht. Daneben empfiehlt es sich, zu den roten Mieträdern Distanz zu halten, deren Fahrerinnen und Fahrer sich nicht immer ganz sicher sind, wohin sie von ihrem Gefährt gesteuert werden.

Radfahrer auf einem Cycle Superhighway (Schnellradweg) in London © Jordan Mansfield/Getty Images for Santander/TFL

Die Räumlichkeiten der LCC liegen in einem alten Werftgebäude an der Themse. Vor 100 Jahren wurden hier Kakaobohnen, Kokosnüsse und Gewürze aus den Kolonien an Land geschafft; heute ist es ein moderner Bürokomplex mit Aussicht auf die Türme des Finanzbezirks in Canary Wharf. Simon Munk, der LCC-Verantwortliche für Infrastrukturprojekte, trägt noch immer seine Fahrradkluft. Der 47-Jährige bezeichnet sich als Teil der angeblich ein Prozent schnellen und körperlich fitten Radler, die bei jedem Wetter und für jede Strecke in die Pedale treten. Munk pendelt von Walthamstow ins Büro und zurück, 30 Kilometer pro Tag.

Vor rund zehn Jahren seien Radkampagnen ganz darauf ausgerichtet gewesen, die Straßen für Menschen wie ihn sicherer zu machen. "Die größte Veränderung seit damals besteht darin, dass sich unser Fokus verschoben hat, und zwar auf den Bau einer Infrastruktur, damit auch die restlichen 99 Prozent der Anwohner aufs Rad steigen", sagt Munk.

Er hält dies für die einzig richtige Transportstrategie für London: "Die Stadt wächst schnell und die Geschwindigkeit der motorisierten Fahrzeuge in der Innenstadt nimmt stetig ab, insbesondere für Busse." Laut Zahlen der Transportbehörde TfL wälzt sich der Verkehr im Stadtzentrum mit weniger als 13 Kilometern pro Stunde durch die Straßen. "In einer dichten Stadt mit vielen denkmalgeschützten Gebäuden und schmalen Straßen ist es schwierig, mehr Platz zu schaffen", sagt Munk – und sowieso wäre es verkehrt, die Kapazität für motorisierte Fahrzeuge zu vergrößern, nicht zuletzt wegen der Luftqualität.