"Mittelmäßig", blinkt es von der digitalen Anzeigetafel an der Rue de Rivoli, auf halber Strecke zwischen der Place de la Concorde und dem Pariser Rathaus. Ein Smiley hat die Mundwinkel nach unten gezogen. Dabei ist es gerade einmal kurz nach Mittag, keine Stoßzeit also, und viele Pariserinnen und Pariser sind – weil Ferien sind – in den Bergen beim Skifahren. Dennoch drängen sich auf einer der wichtigsten Ost-West-Achsen der französischen Hauptstadt die Autos Stoßstange an Stoßstange, und damit ist die Qualität der Luft eben nur "mittelmäßig". Das bedeutet, wie seit Tagen, dass die Belastung mit Feinstaubpartikeln pro Kubikmeter Luft über den erlaubten 50 Mikrogramm liegt.

Wie kann das sein? Steht Paris nicht weit vorne in der Liste der Großstädte, die rigoros die größten Dreckschleudern aus der Stadt verbannen, Autostraßen in Flaniermeilen verwandeln und kräftig in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und in neue Fahrradwege investieren? "Vorbildfunktion" nennt das die linke Bürgermeisterin Anne Hidalgo. "Jagd auf Autofahrer", schimpfen ihre Gegner. Ist am Ende alles eine große Luftnummer?

Hidalgo reagiert leicht genervt auf solche Fragen. In ihrem Büro im Rathaus, mit Blick auf die Seine, hat die Bürgermeisterin ein Bild des Eiffelturms am Boden stehen. An manchen Tagen kann die 58-Jährige das Wahrzeichen ihrer Stadt nämlich nicht sehen. Oder höchstens den Rumpf. Der obere Teil ist dann eingehüllt in eine Smogwolke. "Wenn ich mir ansehe, wie sich der Dieselskandal ausgeweitet hat, mit Tests an Affen und Menschen, dann tut es mir wirklich nicht leid, in der Geschichte auf der Seite der Guten zu stehen", sagte sie kürzlich trotzig der französischen Sonntagszeitung Journal de Dimanche. "Manche Autohersteller belügen uns seit 20 Jahren. Ich glaube, die Pariser sind froh, dass wir dieser Lobby widerstanden haben und ihre Gesundheit schützen."

Schlechte Zufriedenheitswerte

Wer wie Hidalgo alten Bussen, Lastern und Lieferwagen die Zufahrt verwehrt, Parkplätze rar und teuer macht sowie Diesel ab 2024 und generell Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor spätestens ab 2030 für gänzlich unerwünscht erklärt, der wird Präsidentin einer internationalen Vereinigung ähnlich ambitionierter Großstädte. C40 heißt die Organisation, auch New York City, Shanghai, Sydney, Bogotá und Mexiko-Stadt gehören dazu. Aber zu Hause fliegen einem dafür nicht unbedingt Sympathien zu. Denn niemand soll sich täuschen: Franzosen sind ähnlich vernarrt in ihre Autos wie die Deutschen. Auch sie sehen – das zeigen Umfragen – den Pkw als Zeichen ihrer persönlichen Freiheit.

Trotzdem steht Hidalgo zu ihrer Verkehrspolitik und weicht, um ihre Ziele zu erreichen, auch keinem Disput aus. Damit riskiert die Sozialistin sogar ihre Wiederwahl in zwei Jahren. Laut einer Umfrage von Anfang Februar sind nur noch 16 Prozent der Pariser zufrieden mit ihrer Bürgermeisterin. Binnen eines einzigen Jahres hat Hidalgo damit 20 Punkte eingebüßt.

Einer der Gründe dafür liegt direkt vor ihrem Bürofenster. Dort verlaufen zwei Uferstraßen: eine auf dem Niveau der Häuser, die andere, die Voie Georges-Pompidou, eine Etage tiefer direkt an der Seine. Als der damalige französische Premierminister und spätere Staatschef Pompidou die nach ihm benannte zweispurige Schnellstraße im Dezember 1967 einweihte, saß er mit Zigarette im Mundwinkel am Steuer seines Porsche. "Die Stadt muss sich dem Auto anpassen", sagte er technikbegeistert, wie es damals zeitgemäß war, und durchquerte in weniger als 15 Minuten die Stadt von West nach Ost. Zuletzt taten das täglich 43.000 Fahrzeuge, viele von ihnen Pendler und Lieferanten aus den Vorstädten. Im September 2016 ließ Hidalgo ein 3,3 Kilometer langes Teilstück sperren und zur Uferpromenade umfunktionieren. Zu Testzwecken, für ein halbes Jahr. Doch es blieb dabei.

Seither drängen sich die Autos auf den Ausweichrouten: auf der höher gelegenen Uferstraße in der einen Richtung, auf der Rue de Rivoli in der umgekehrten. "Ich kann nicht mehr", klagt Marie Bertin. "Normalerweise sollten wir vor 11 Uhr beliefert werden, aber wegen der Staus kommt es ständig zu Verspätungen", berichtet die Besitzerin des Bistros Le Relais du Pont Neuf, während sie Bier, Wein, Wasser und Softgetränke hinter der Theke im Akkord in Gläser füllt. "Wenn wir Handwerker brauchen, lehnen die gleich ab."

Stau vor dem Bistro Le Relais du Pont Neuf © Karin Finkenzeller

Das Bistro ist gut besucht. Zwei Bedienungen nehmen die Bestellungen für Mittagessen auf. "Jetzt im Winter macht es keinen Unterschied, aber wenn sich Gäste an warmen Tagen nach draußen setzen wollen, ergreifen sie gleich wieder die Flucht. Von unserer Gesundheit will ich gar nicht reden: Wir atmen von morgens bis abends schlechte Luft ein." Nachts, sagt Bertin, könne sie wegen der ständigen Huperei nicht schlafen. Sie lebt in einer Wohnung oberhalb ihres Bistros.