Hier draußen, wo Wien wächst, zieht die U-Bahn eine lange Schleife über kahle Felder, bevor sie in die Endstation "Seestadt" einfährt. Das imperiale Wien mit Rathaus und Burgtheater, wofür man die Stadt im Ausland kennt, ist weit weg. 30 Minuten Fahrzeit, um genau zu sein. Irgendwann sollen hier in der Seestadt Aspern – dem Stadtentwicklungsgebiet, das im 22. Gemeindebezirk aus dem Boden gestampft wurde – einmal 20.000 Menschen leben. Momentan halten knapp 6.000 Pioniere die Stellung.

Einer von ihnen ist Philipp Naderer. Der Softwareentwickler lebt mit seiner Familie seit 2015 hier. Zu seinem Arbeitsplatz am anderen Ende der Stadt braucht Naderer mehr als eine Stunde. Anderthalb, wenn es ganz schlecht läuft. "Ich mag die Seestadt trotzdem, auch wenn noch nicht alles perfekt ist", sagt Naderer. Er hat auf eigene Initiative den Seestadt-Bot programmiert: ein Chatbot, der einem über Messengerdienste schnell und unkompliziert die nächste sinnvolle Verkehrsanbindung und Öffnungszeiten der Geschäfte anzeigt.

Viele ausländische Stadtplaner, die auf Besuch in die Seestadt kommen, wundern sich über die U-Bahn-Anbindung. Ein Kilometer U-Bahn ist schließlich deutlich teurer als eine Straßenbahn, sowohl im Bau als im Betrieb. "Ohne die würde das hier aber nicht funktionieren", sagt Naderer. "Die Wiener lieben ihre U-Bahn und sind auch viel zu sehr daran gewöhnt."

Seit vergangenem Herbst fährt zu den morgendlichen Stoßzeiten jede U-Bahn bis zur Seestadt durch, nicht mehr nur jede zweite. Das hat viel verbessert. Für die Bewohner der Seestadt, aber auch für die Pendler, die aus dem Umland kommen und irgendwann in die Wiener Linien umsteigen.

Fast jeder Wiener wohnt in Gehweite zu einer Öffi-Station

Die Zahl der Verkehrsplaner, die neidisch nach Wien schauen, ist groß. Die österreichische Hauptstadt ist verkehrstechnisch an vielen Punkten dort, wo andere europäische Städte hinwollen. Das gilt zum Beispiel für den sogenannten Modal Split, also die Aufschlüsselung, wie viel Prozent der zurückgelegten Wege auf welches Verkehrsmittel entfallen. Drei Besonderheiten unterscheiden Wien hier von deutschen Großstädten: Der Anteil der "Öffis", wie die öffentlichen Verkehrsmittel in Wien heißen, ist mit aktuell 38 Prozent extrem hoch – in Berlin lag er in jüngsten Untersuchungen bei 27, in Hamburg sogar nur bei 18 Prozent. Das Auto liegt in Wien nur an dritter Stelle. Beim Radanteil hinkt Wien allerdings mit sieben Prozent deutlich hinterher, in vielen vergleichbar großen Städten ist er zumindest doppelt so hoch.

Um den öffentlichen Nahverkehr zu stärken, hat die Wiener Politik einiges getan. Für Aufsehen hat die Jahreskarte gesorgt: Sie kostet seit 2012 nur noch 365 Euro, die berühmten "1 Euro pro Tag". Wobei das so auch nur halb stimmt: Die 365 Euro gelten nur, wenn man das Ticket auf einmal zahlt. Bei monatlicher Zahlweise kommt man auf 396 Euro. Seitdem verzeichnen die Wiener Linien jährlich neue Rekorde an Jahreskartenbesitzern und Fahrgästen – beides aber auch bei einer wachsenden Anzahl von Einwohnern. Tatsächlich wuchs der Anteil der Öffis am Modal Split seit Einführung der 365-Euro-Karte nur um ein bis zwei Prozent, es gab also keinen Riesensprung. Allerdings war das Ausgangsniveau bereits sehr hoch.

"Menschen steigen vor allem dann auf die Öffis um, wenn das Angebot stimmt", sagt Ulrich Leth vom Institut für Verkehrsplanung der TU Wien. "Der Preis ist da ein wichtiger Faktor, aber es geht auch um Dinge wie Taktung, Konkurrenzfähigkeit in der Fahrtdauer und die Entfernung der Station zu der eigenen Wohnung." Und da ist Wien sehr gut aufgestellt: 2012 wohnten 96 Prozent der Wiener in Gehweite zu einer Öffi-Station, die Kundenzufriedenheit mit den Wiener Linien ist konstant hoch.

Wie viel das 365-Euro-Ticket Wien kostet, ist exakt schwer zu sagen. 2013, im ersten Jahr mit der vollen Geltung der Jahreskarte, hat die Stadt ihrem Verkehrsbetrieb knapp 50 Millionen Euro mehr überwiesen als im Jahr zuvor. Allerdings beförderten die Wiener Linien in dem Jahr mehr Einwohner als noch 2012, außerdem nahm eine U-Bahn-Verlängerung ihren Betrieb auf – die Betriebskosten stiegen also auch.