Wenn alles so läuft, wie es sich David Grünewald vorstellt, dann wählen die Darmstädterinnen und Darmstädter Ende Oktober nicht nur ihren Vertreter im hessischen Landtag, sondern stimmen auch über einen sicheren, besseren Radverkehr in ihrer Stadt ab. Der 27-jährige Ingenieur hat vor wenigen Wochen mit Mitstreitern in der südhessischen Unistadt einen Radentscheid auf den Weg gebracht. Ziel des Bürgerbegehrens ist unter anderem, breite Radwege an Hauptstraßen anzulegen, fünf Kilometer pro Jahr, die baulich vom Kfz-Verkehr und vom Fußverkehr getrennt sind. Inzwischen sammelt die Gruppe in Darmstadt Unterschriften, rund 3.400 braucht sie.

Darmstadt ist längst nicht die einzige Stadt in Deutschland, in der Radfahrerinnen und Radfahrer das Warten auf bessere Radwege leid sind. Erst Ende Januar verbreitete sich die Nachricht aus Bamberg wie ein Lauffeuer in der Fahrradszene: Dort war die Initiative Radentscheid erfolgreich. Die Stadt in Nordbayern wird nun sieben ihrer zehn Ziele für eine fahrradfreundlichere Infrastruktur übernehmen und noch in diesem Jahr umsetzen.

Für Radaktivisten bundesweit ist das ein wichtiges Signal. Die Bamberger Initiative ist nach dem Volksentscheid Fahrrad aus Berlin bereits die zweite Bürgerbewegung, die per Volksentscheid die Bedingungen für Radfahrer in ihrer Stadt massiv umkrempeln und verbessern will. Vorangegangen waren die Berliner: 2015 entwickelten sie mit einem Zehn-Punkte-Plan die Grundlage für ein sicheres und zusammenhängendes Radwegenetz für jeden in der Hauptstadt. Innerhalb weniger Wochen hatten sie 105.000 statt der 20.000 erforderlichen Unterschriften gesammelt und damit die erste politische Hürde genommen.

Fast dreimal so viele Unterschriften wie nötig

Damit gaben die Berliner den Anstoß. Inzwischen gibt es Radentscheid-Nachahmer: nicht nur in Darmstadt, sondern auch in Hamburg. In Stuttgart, München, Frankfurt sowie im Bundesland Nordrhein-Westfalen sind die Vorbereitungen für weitere Volksentscheide und Bürgerbegehren bereits angelaufen. Unterstützt werden sie von den Initiatorinnen und Initiatoren des Volksentscheids Fahrrad aus Berlin über ihren neuen Verein Changing Cities.

Das Signal an die Politik ist deutlich. Der Verkehr in den Städten nimmt stetig zu, der Platz für Radfahrende auf der Straße ist knapp, und 47 Prozent der Menschen, die regelmäßig mit dem Rad unterwegs sind, fühlen sich laut Fahrrad-Monitor 2016 im Verkehr nicht sicher.

So ist es auch in Bamberg. Die Stadt wächst. "Das Problem ist: Es gibt zu viel Verkehr auf einer relativ kleinen Fläche", sagt Christian Hader vom Radentscheid Bamberg. In der oberfränkischen Stadt, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, teilen sich Autos und Radfahrer die schmalen Straßen. "Beide fühlen sich voneinander behindert", erklärt Hader. Er selbst werde regelmäßig als Radfahrer angehupt. Im Fahrradklima-Test 2016 des Fahrradvereins ADFC bekam Bamberg gerade mal die Schulnote vier, obwohl 30 Prozent der Bevölkerung dort Fahrrad fahren. Denn Bamberg ist mit seinem Fünf-Kilometer-Radius zur Stadtgrenze perfekt fürs Radeln.

Um die Bedingungen zu verbessern, meldete sich Hader im Frühjahr 2016 beim Berliner Volksentscheid Fahrrad. Seitdem halten er und seine Gruppe in Bamberg engen Kontakt mit den Berliner Aktivisten. Im Sommer 2017 sammelten sie in Bamberg rund 9.000 Unterschriften für den Radentscheid – benötigt wurden 3.300.

Auch in Hamburg bildete sich eine Rad-Initiative

Doch trotz des großen Rückhalts in der Bevölkerung scheiterten im Januar nach über drei Monaten zunächst die Verhandlungen mit der Stadtverwaltung. Es hatte sich gezeigt, dass nur sieben der zehn Ziele per Landesgesetz umsetzbar sind; die Punkte "Fahrradstraßen", "mehr Disziplin im Straßenverkehr" und "grüne Welle für den Umweltverbund" lassen sich nicht rechtlich festzurren.

"Beide Parteien haben noch mal gefeilscht", sagt Hader zum kurzzeitigen Aus. Eine weitere Verhandlungsrunde mit den Fraktionen brachte schlussendlich die Einigung. Die sieben Ziele sind verbindlich festgelegt, die drei anderen sollen per Maßnahmenpaket umgesetzt werden. Hader ist mit dem Ergebnis zufrieden. Bereits in den kommenden Monaten will die Stadt neue Fahrradstraßen anlegen und neue Radabstellplätze schaffen. Außerdem steht mit rund 180.000 Euro für 2018 viermal so viel Geld für die Förderung des Radverkehrs zur Verfügung wie im Vorjahr.

Oberbürgermeister Andreas Starke unterstützt diese Entwicklung. "Wir können den Radanteil in Bamberg noch steigern", sagt er. Das sei auch notwendig, um das wachsende Verkehrsaufkommen intelligent zu verteilen und Bambergs Status als Weltkulturerbe zu erhalten. "Das gelingt am besten, wenn wir die schädlichen Auswirkungen des motorisierten Individualverkehrs reduzieren, um die Menschen und die Denkmäler in der Stadt zu schonen", erklärt Starke.

Die Arbeit beginnt erst

Bamberg und Berlin zeigen: Bürgerentscheide pro Radverkehr funktionieren. Allerdings haben die Berliner wichtige Pionierarbeit geleistet. Mit Heinrich Strößenreuther, einem ehemaligen Bahnmanager und Greenpeace-Aktivisten, hatten sie eine medienerfahrene Führungspersönlichkeit im Boot. Strößenreuther weiß, wie man das Thema medienwirksam und mit politischer Schlagkraft platziert. Die Mitglieder der Berliner Initiative teilen stets ihr Wissen und ihre Erfahrungen, etwa über Kanäle wie Twitter. Außerdem erklärten sie in Hamburg und Wuppertal auf sogenannten Barcamps ihre Vorgehensweise. An einem dieser Treffen nahm auch der Darmstädter Initiator David Grünewald teil.

Und auch in Hamburg bildete sich nach dem Barcamp eine Radentscheid-Initiative. Ihre Mitglieder trennten Mitte Februar vor zwei Hamburger Schulen mit einer Menschenkette die Radspur von der Autospur, um eine sogenannte Protected Bike Lane zu schaffen. Weitere öffentliche Aktionen sind geplant, die Gruppe hat für ihren Radentscheid noch bis zur Bürgerschaftswahl 2020 Zeit. Alle Radentscheide sind momentan so getaktet, dass die Abstimmung mit einer Wahl kombiniert werden kann, um möglichst viele potenzielle Wählerinnen und Wähler zu erreichen.

Die Berliner sind schon weiter. In der Hauptstadt soll das erste Radgesetz als konkretes Ausbauprogramm mit Fristen und Ausbauzielen bald im Abgeordnetenhaus verabschiedet werden – eine Formsache angesichts der rot-rot-grünen Koalitionsmehrheit. Doch damit ist die Arbeit noch nicht vorbei. Mitglieder des Volksentscheids Fahrrad beraten in neu gegründeten Netzwerken Politiker in den einzelnen Berliner Bezirken, um die Umsetzung der Ziele voranzutreiben. In Bamberg begleiten die Mitglieder des Radentscheids ebenfalls Politiker auf ihrem Weg zu einer fahrradfreundlichen Stadt. Die Arbeit der Aktivisten hat gerade erst begonnen.