Überlange Lkw dürfen weiter auf deutschen Straßen fahren. Das hat das Verwaltungsgericht Berlin entschieden (Az.: VG 11 K 216.17) und damit eine Klage von Umwelt- und Verkehrsverbänden abgewiesen. Die Regelzulassung der sogenannten Gigaliner mit bis zu 25,25 Metern Länge verstoße nicht gegen EU-Recht, urteilten die Richter. Die Kläger hatten in der Zulassung durch das Bundesverkehrsministerium Anfang 2017 einen Verstoß gegen eine EU-Richtlinie gesehen, die eine Maximallänge von Lkw bei 18,75 Metern definiert und eine Zulassung längerer Laster nur in Ausnahmefällen vorsieht.

Die national zuständige Behörde habe hier aber "einen weiten Umsetzungsspielraum", entschied das Gericht. Es ließ aber wegen der grundsätzlichen Bedeutung sowohl die Berufung als auch die Sprungrevision zu. Ob die Verbände – Allianz pro Schiene, Deutsche Umwelthilfe, Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und Automobil-Club Verkehr – diesen Schritt gehen werden, ist noch offen. "Wir warten die schriftliche Urteilsbegründung ab und werden dann entscheiden", sagte Dirk Flege, der Geschäftsführer von Allianz pro Schiene, ZEIT ONLINE. 

Die bis zu 44 Tonnen schweren Lang-Lkw sind seit 2017 auf bestimmten Straßen in Deutschland zugelassen. Dazu zählen vor allem Autobahnen. Zuvor wurde der Betrieb der XL-Laster in einer mehrjährigen Phase getestet. Anschließend erlaubte das Verkehrsministerium einige Modelle, für andere läuft eine weitere Testphase bis 2023. In diesem Jahr weitete das Bundesverkehrsministerium das Netz für die Gigaliner auf 15 Bundesländer aus.

Lang-Lkw - Umstrittene Riesenlaster Seit Anfang 2017 sind Lang-Lkw, auch Gigaliner genannt, für den Regelbetrieb auf Deutschlands Straßen zugelassen. Was spricht für, was gegen die großen Lastwagen? © Foto: Zeit Online

Kläger kritisieren Gigaliner als umweltschädlich

Die Verbände betrachten die Lang-Lkw als klimafeindlich und als eine Gefahr für den Straßenverkehr, zudem warnen sie vor einer Verlagerung des Schienenverkehrs auf die Straße. In Deutschland werden bereits mehr als 70 Prozent des Güterverkehrs mit Lastkraftwagen abgewickelt. Die Verbände erwarten, dass durch die Einführung der Lang-Laster etwa 7,6 Prozent des Schienengüterverkehrs auf die Straße verlagert werden, was pro Tag etwa 7.000 zusätzlichen Lkw-Fahrten entspräche. "Die Regelzulassung der Gigaliner macht den Lkw-Verkehr noch billiger und stärkt den Güterverkehr auf der Straße", sagte Flege ZEIT ONLINE vergangene Woche.

Das Bundesverkehrsministerium begründet den Betrieb der Gigaliner mit ihrer Effizienz: Zwei Fahrten mit Lang-Lkw ersetzten drei Fahrten mit herkömmlichen Lastwagen. Das sei das Ergebnis eines fünfjährigen Feldversuchs. Güter, die viel Platz benötigten, aber nicht viel Gewicht hätten, könnten praktischer transportiert werden. Dazu zählten beispielsweise große Blechteile und Kartons mit Chipstüten. Ein Gigaliner spare zwischen einem Sechstel und einem Viertel an Kraftstoff gegenüber herkömmlichen Lkw-Fahrten.

Nach dem Urteil sagte Flege, er sehe das Urteil "mit einem lachenden und einem weinenden Auge". Er zeigte sich enttäuscht darüber, dass sein Verein in der Sache nicht Recht bekommen habe. Flege hob aber als positiv hervor, dass das Gericht erstmals eine Klage formal angenommen habe, in der "eine anerkannte Umweltvereinigung" gegen eine nationale Verordnung wegen möglichen Verstoßes gegen EU-Recht vorgehe. "Das Urteil stärkt die Klagebefugnis von Umweltverbänden und wird eine deutschlandweite Präzedenzwirkung entfalten."

Das Bundesverkehrsministerium begrüßte das Urteil. "Das ist eine gute Nachricht für den Logistikstandort Deutschland. Denn der Lang-Lkw trägt dazu bei, den zunehmenden Verkehr effizient, spritsparend und sicher zu bewältigen", sagte der Parlamentarische Staatssekretär Steffen Bilger. Das Ministerium sieht im Gegensatz zu den Klägern keine Verlagerung von Transport von der Schiene auf die Straße. Auch eine stärkere Belastung der Infrastruktur durch die Lang-Lkw sei nicht zu befürchten.